München – Es sind Szenen wie in einem Thriller: Mit Schutzwesten und Maschinenpistolen stürmten Spezialkräfte der Polizei ein Treppenhaus in München. Der Grund: eine europaweite Großrazzia gegen die italiensche Mafia.
Allein in und um München durchsuchten 130 Einsatzkräfte bei der Operation „Eureka“ gestern gegen vier Uhr morgens zehn Objekte. Die Aktion richtete sich gegen Mitglieder der kalabrischen ’Ndrangheta – das ist derjenige italienische Mafia-Clan, der in Bayern am stärksten vertreten ist. Die Staatsanwaltschaft München I und das Bayerische Landeskriminalamt ermitteln seit Juli 2020 gegen eine Frau und sieben Männer aus Italien im Alter von 25 bis 48 Jahren. Gegen vier Personen aus Bayern wurden nach der Festnahme EU-Haftbefehle aus Italien vollstreckt. Der Gruppe in München wird unter anderem vorgeworfen, den internationalen Kokainhandel mitfinanziert, bei dessen Logistik geholfen und Geldwäsche betrieben zu haben.
Bei den durchsuchten Objekten in Bayern handelt es sich um fünf private Wohnungen in der Stadt und eine im Landkreis München sowie drei Center zur Fahrzeugpflege, also Anlagen mit Waschanlage und Autoservice. Alle drei befinden sich an Münchner Einkaufszentren: dem PEP in Neuperlach sowie den Pasing- und Riem-Arcaden. Bei der Razzia stellten die Polizisten in einem Geschäftsraum mehrere Kilo Marihuana sicher. Die Verdächtigen sollen unter anderem Geld gewaschen haben. Außerdem sollen sie Mafiosi aus anderen Orten Unterschlupf und logistische Hilfe gewährt haben.
Deutschlandweit waren für die Operation „Eureka“ mehr als 1000 Polizisten im Einsatz, die dutzende Wohnungen durchsuchten – neben Bayern auch in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Insgesamt konnten rund 30 Haftbefehle vollstreckt werden. Außerdem schlugen Ermittler zeitgleich in Italien, Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal zu. Insgesamt sind rund 150 mutmaßliche Mafiosi in mehreren Ländern festgenommen worden.
„Die heutige europaweite Festnahme- und Durchsuchungsaktion ist ein empfindlicher Schlag gegen die ’Ndrangheta“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Dabei sind Ermittler den Mafiosi schon seit längerer Zeit auf der Spur – bis gestern der Zugriff erfolgte.
Und das Geschehen in Bayern spielte dabei offenbar eine Schlüsselrolle. Denn kurz vor der Abschaltung eines speziellen Messengerdienstes konnten die Behörden ein Krypto-Handy (also ein verschlüsseltes Gerät) eines der wichtigsten Beschuldigten während dessen Aufenthalts in Bayern identifizieren. Das war der entscheidende Schritt im Vorfeld der gestrigen Razzia. Minister Herrmann: „Das war ein Meilenstein für die italienischen Ermittler.“
Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hebt die Bedeutung des Zugriffs hervor: „Die heutigen Razzien sind eine der größten bislang durchgeführten Operationen im Kampf gegen die italienische organisierte Kriminalität.“
Die ‘Ndrangheta ist nach Einschätzung des Bundeskriminalamtes (BKA) derzeit die „relevanteste Mafia-Gruppierung.“ Seit mehr als drei Jahren ermitteln deutsche, belgische und italienische Behörden in enger Zusammenarbeit mit Eurojust und Europol gegen die kalabrische Mafia. Die Tatvorwürfe reichen von Kokainhandel, Geldwäsche, unerlaubten Waffenbesitz bis Waffenhandel. Allein zwischen Oktober 2019 bis Januar 2022 konnten die italienischen und belgischen Behörden der kriminellen Vereinigung Einfuhr und Handel von fast 25 Tonnen Kokain zuordnen. Straßenwert: über zwei Milliarden Euro.