Feldafing – Bernhard „Herrmann“ Zillner (54) wünscht seinen Fahrgästen gerade ein „Gutes neues Jahr“ – immerhin sticht seine Fähre vom Glockensteg in Feldafing zur Roseninsel im Starnberger See erst wieder seit 1. Mai in See. Davor halten beide Elektro-Boote, sogenannte Zillen, Winterschlaf. Im Interview erklärt Zillner, dass ein Fährmann am besten Kuppler, Witz-Kanone, Barkeeper und Wetterfrosch in einem ist.
Sie heißen Bernhard Zillner. Wieso nennen all Ihre Fahrgäste Sie Herrmann?
Mein zweiter Vorname ist seit Kindheitstagen in den Köpfen hängen geblieben. Heute ist er Bestimmung: Herrmann, der Fährmann.
Sicher nicht der einzige Schwank, den Sie Gästen erzählen, oder?
Die Überfahrt dauert nur fünf Minuten, genaue Abfahrtszeiten gibt’s nicht. Drei- bis viermal die Stunde setzen wir über. An Schönwetter-Tagen kann sich der Takt erhöhen. Wir Fährleute haben also auch Zeit für Gaudi und Ratschen. Ohne Sinn für Humor und Kontaktfreudigkeit kann man den Job nicht machen.
Also was erzählen Sie dann auf der Fahrt?
Flotte Sprüche ergeben sich aus der Situation heraus – wir sind ja keine Schallplatten! „Die Fahrt kostet fünf Euro – und Baden acht“, rufe ich oft. Letzteres ist rund um die Roseninsel als Weltkulturerbe verboten, ebenso wie Hunde. Wir erklären den Fahrgästen also auch die Insel-Ordnung.
Welcher Spruch hat die meisten Lacher geerntet?
Nicht mehr eingekriegt hat sich mal eine Gruppe älterer Damen. Mit denen scherze ich besonders gerne rum und nenne sie schon mal flotte Hasen. Die besagte Gruppe hatte damals nur einen jungen Mann dabei. Als ich meinte, er sei heute der Hahn im Korb, mussten alle grinsen. Es war der Pfarrer! (lacht)
Die Roseninsel ist die einzige Insel im See. Was fragen Sie Gäste häufig?
Wann die Rosen in voller Blüte stehen – das ist aber jedes Jahr anders. Und: Wie die Maulwürfe auf die Insel kommen. Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass sie sich vom Ufer aus durchbuddeln. Luftlinie sind das 200 Meter. Aber: In der Würm-Eiszeit haben sich Gletscher hier in die Landschaft gegraben. Genau hier verlief einer – daher ist das Wasser teils 17 Meter tief.
Um 18 Uhr ist Feierabend. Wie stellen Sie sicher, dass keiner auf der Insel bleibt?
Das Zamläuten ist eine wichtige Aufgabe der Fährleute. Mit einer Glocke gehen wir kurz vor der letzten Fahrt um die Insel. Unsere Zillen liegen über Nacht nicht am Ufer, sondern an der Roseninsel. Die letzte Fahrt zurück ans Festland legen wir Fährmänner im Ruderboot zurück.
Wie viele Schläge braucht’s?
Das habe ich in sieben Jahren Fährmanns-Dasein nie gezählt. Auch nicht, wie oft ich hin- und hergefahren bin. Man könnte es ausrechnen: Eine Saison dauert von 1. Mai bis 15. Oktober. Montags ist der Betrieb eingeschränkt. Da hat das Insel-Schloss Ruhetag. Im Schnitt fahren wir am Tag 30 Mal hin und her, plus die zwei Ruderboot-Fahrten. In dieser Rechnung wären aber Sonderfahrten für Firmen nicht eingerechnet.
Früher durften Fährleute nicht schwimmen lernen, damit sie die Fracht mit ihrem Leben verteidigen…
Nach acht Stunden in der Tracht ist der Sprung in den See für mich Pflicht! Nur da und zum Schlafen setze ich mal meinen Hut ab. (lacht)
Sind schon mal Fahrgäste über Bord gegangen?
Über Bord noch nicht, obwohl Rentner oft schlimmer drängeln als Schulklassen. Vor Jahren ist mal ein Brautpaar vom Steg aus ins Wasser gefallen. Ihre Tracht war pitschnass, als sie danach auf der Insel geheiratet haben.
Die haben so geheiratet?
Bei uns wird alles verheiratet! (lacht) Heuer setzen wir 68 Brautpaare über. Wer sich Sekt wünscht, bekommt ihn nach der standesamtlichen Trauung von uns serviert.
Bringt es Glück, auf der Roseninsel zu heiraten?
Als Fährmann habe ich um die 400 Brautpaaren gratuliert. Alle, die hier wieder vorbeigeschaut haben, waren noch verheiratet. (lacht) Viele Paare kommen an ihrem Hochzeitstag hierher. Damit befolgen sie meinen Rat – jedes Jahr am selben Ort ein Foto von sich zu machen, womöglich samt Kinderschar.
Was noch macht einen guten Fährmann aus?
Idealerweise beherrscht man Deutsch und Bairisch – so wie die Tafel am Glockensteg. Da steht „Wuist du auf de andre Seitn, na muast du nachm Fährmo leitn“ – oder „Wenn Sie auf die Roseninsel übersetzen möchten, bitte an der Glocke läuten“. Aber Spaß beiseite: Wichtig ist gutes Gespür für See und Boot. Beim Fahren müssen Wetter und Strömung einkalkuliert werden. Vor Gewittern müssen wir die Insel leeren. Unter www.roseninsel.bayern kann man aktuell nachlesen, wenn wir mal nicht fahren sollten.
Wie sind Sie zum hiesigen Fährmann geworden?
Ich bin in Pöcking aufgewachsen. Mein Vorgänger fuhr mit einer venezianischen Gondel, später mit Zillen. Als 2016 neue Fährleute gesucht wurden, habe ich mich mit meinem Großcousin Stefan Seerieder beworben. Am Ende konnte ich das Büro als Sachbearbeiter bei einer Versicherung gegen den See tauschen.
Ihr Kompagnon ist 2021 mit 53 Jahren gestorben…
Das kam sehr überraschend und war ein heftiger Schlag für mich. Alleine könnte ich das Pensum nicht stemmen. Inzwischen habe ich drei Fährmänner und Stefan fährt gefühlt noch mit uns mit.
Haben Sie den schönsten Arbeitsplatz der Welt?
Die Frage höre ich so oft wie „Don‘t pay the ferryman“ (Bezahl den Fährmann nicht) aus dem Hit von Chris De Burgh. Die Antwort: meistens, nicht immer. Wir sind vom Wetter abhängig. An regnerischen Tagen fahren mal insgesamt nur 20 Gäste mit – 30 passen auf ein Boot. Zudem kann auch mal was kaputt gehen. Reich wird man nicht…
Was hält Sie dann?
Ich liebe es. Mal ist der See glatt wie ein Spiegel. Dann kann man die Berge nachzeichnen. Mal fällt der einzige Sonnenstrahl direkt auf die Insel. Auch Gewitter malen unglaubliche Stimmungen auf den See. Um die Insel zieht sich ein Areal, das nur eineinhalb Meter tief ist. Das leuchtet oft in karibischem Blau – das ist wie Urlaub!
Interview: Cornelia Schramm