Biersack, Bierling und Bierfreund

von Redaktion

NAMENSSERIE Unser Experte über Wirte, Kellner und den Nachnamen „Trinkgeld“

VON OLIVER ULTSCH*

Das Wirtshaus war schon immer ein Ort, an dem ein besonderer Geist herrschte. Da war man(n) frei – und so redselig wie sonst nie. Unter Gleichgesinnten wurde nicht selten Politik am Stammtisch betrieben. Der Beruf des Wirtes als Gastgeber trug einst viele Namen. Alle hatten eins gemeinsam: Frischgebrautes unters Volk zu bekommen.

Der Krüger (von mittelhochdeutsch kroch für die Schenke) hat die komplette Nordhälfte Deutschlands eingenommen. Und kratzt immerhin an den Top 20 der häufigsten Nachnamen.

Den Kretschmer und überhaupt alle Namen mit dem Bestandteil Kret(z)sch gibt es insbesondere in Sachsen. Sie kommen vom slawischen „krezmer“, also Schankwirt. Die Nähe zum osteuropäischen Sprachgebiet zeigt sich: Kretscham war im Altsorbischen die Dorfschenke. Einst hatte hier auch der Schultheiß seinen Sitz und sprach nebenher Recht, während er die ihm zustehende Schank- und Brauberechtigung nutzte, um die Anwesenden bei einem Prozess in Stimmung zu bringen. Nachkommen sieht man auch in der Politik: Michael Kretschmer als sächsischer Ministerpräsident – und Winfried Kretschmann als Pendant in Baden-Württemberg.

Namen mit dem Bestandteil „Bier“ sind zumeist eindeutig. Ob diese einst Hersteller (Bierbrauer), Wirt (Bierschenk) oder Konsument (Bierfreund und Biersack getreu ihrer Bauchform) waren, ergibt sich jeweils aus dem Begriff – oder bleibt offen.

Besonders spannend ist die Erklärung beim Nachnamen Bierling: Mit dem Begriff birlinc wurde einst der Heuschober bezeichnet. Zuerst wurde das getrocknete gemähte Gras beim Heuen der Felder in Streifen zusammengeschoben. Vor dem Aufladen wurde es zu kleinen Haufen aufgeschichtet. Das war dann schon der Birling – im Alpenraum handelte es sich beim Heuschober nicht gleich um eine Scheune zur Aufbewahrung, sondern um den Heuberg an sich. Überdauert hat dieser sehr interessante Name fast nur im Landkreis Garmisch-Partenkirchen.

Der Bezug zum Bier war hier somit nie vorhanden – der Begriff veränderte sich aber, da die ursprüngliche Bedeutung in Vergessenheit geriet und man nun mal das Bier, dass zweifellos jeder kannte, mit „ie“ schrieb.

Klarer hingegen: der Nachname Grüt(tn)er. Grutte stand für Grütze, einen grob gemahlenen Getreidebrei. Hier wurde mit einer Mischung aus heimischen Kräutern gebraut, die ohne Hopfen auskam und reichlich Porst und Rosmarin intus hatte.

In der Wirtschaft angestellt: Der Ober kommt als Nachname in Deutschland zu 75 Prozent in Traunstein und den angrenzenden Landkreisen vor. Hierbei handelt es sich aber natürlich um einen Wohnstättennamen zu mittelhochdeutsch oberest für jemanden, der an der höchsten Stelle siedelte. Als Vorsilbe ist Ober in Ober- und Niederbayern sowie in der Oberpfalz fast schon inflationär. Nicht der richtige Ansatz: der militärische Rang des Oberst. Dieser kam jedoch erst ab dem 16. Jahrhundert und somit erst nach der Entstehung der Familiennamen auf.

Der Kellner lässt sich auf einen Beruf zurückführen. Hier liegt das mittelhochdeutsche kellære zugrunde. Zu Anfang war dies „nur“ der Kellermeister, der sich um die Bestände kümmerte, die vom angrenzenden Weinberg geerntet wurden. Später wurde der so bezeichnet, der gut rechnen konnte und sich folglich mit den Einkünften aller Art beschäftigte.

Zum Ende des Gaststättenbesuchs geht es ums Trinkgeld. Dieser Name kommt sehr selten vor und konzentriert sich auf den Landkreis Dachau. Auf Spurensuche fiel zuerst die Häufung der Trinkl an gleicher Stelle, doch in deutlich größerer Menge, auf. Diese lassen sich unschwer deuten. Der Begriff Trinkgeld selbst bürgerte sich erst im 14. Jahrhundert ein. Hier ist gelte für das Gefäß zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten deutlich wahrscheinlicher – der Trinkgeld stellte diese wohl her und hatte sich auf jene spezialisiert, die dann in der Gaststätte zum Einsatz kamen.

*Oliver Ultsch ist Versicherungskaufmann und erforscht in seiner Freizeit Nachnamen.

Artikel 2 von 11