Die Kirchen unter Sparzwang

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS UND KATRIN WOITSCH

München – Der Brief aus dem erzbischöflichen Ordinariat in München kam für den Berchtesgadener Pfarrer Thomas Frauenlob nicht überraschend. Kardinal Reinhard Marx kündigt darin eine neue Strategie für die kirchlichen Immobilien an. „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass die Vielzahl an Gebäuden und Kirchen so nicht mehr erhalten werden können, da die finanziellen Mittel dafür fehlen“, schreibt er. Nicht zuletzt auch wegen der vielen Kirchenaustritte.

„Es war völlig klar, dass dieser Schritt irgendwann kommen muss“, sagt Frauenlob. Sein Dekanat wurde gefragt, ob es sich an einem Pilotversuch beteiligt. Denn das Erzbistum will den Weg gemeinsam mit den Pfarreien gehen. Im Berchtesgadener Land und in einem Münchner Dekanat sollen nun erste Erfahrungen gesammelt werden, zum Beispiel über die Kommunikation mit den Gläubigen. „Die Kirchen sind ihnen sehr wichtig“, betont Frauenlob. Doch das Geld sei begrenzt. „Wir müssen offen damit umgehen, dass es viele Kirchenaustritte gibt und erklären, welche Folgen das hat“, findet er.

Rund 4000 pastoral genutzte Gebäude gibt es in den 748 Pfarrgemeinden der Erzdiözese, davon die 748 Pfarrkirchen und 1100 Filialkirchen. Angesichts des Priestermangels versorgt heute ein Pfarrer mehrere Gemeinden, viele Pfarrhäuser werden nicht mehr gebraucht. Die Entscheidung, welche Immobilien man aufgibt, wird aber nicht „von oben“ gefällt. Auf Dekanatsebene soll das vor Ort erarbeitet werden. In drei Regionalkonferenzen werden die Dekanate dafür geschult. Übernächste Woche soll es in Rosenheim starten.

Auch die Pfarreien im Bistum Augsburg haben mit Sparzwängen zu kämpfen. Der Murnauer Pfarrer Siegbert Schindele sorgt sich schon lange um die Hechendorfer Kirche St. Anna. Die Fassade hat Risse, die Wände driften nach außen. Es könnte jederzeit passieren, dass in dem Gotteshaus keine Messen, Taufen oder Hochzeiten mehr gefeiert werden können. Beim Bistum Augsburg gehen jährlich rund 400 Anträge zu Baumaßnahmen ein. Alle werden auf Dringlichkeit bewertet, St. Anna steht auf dieser Liste nicht weit oben. Genau wie das Ramsachkircherl, genannt Ähndl. Es könnte die älteste Kirche Oberbayerns sein. Das kleine Gotteshaus ist ein beliebtes Ausflugsziel im Murnauer Moos, doch ein Schmuckstück ist es nicht mehr. Der Putz bröckelt großflächig. Für die Renovierung ist seit Jahren kein Geld da. Siegbert Schindele fürchtet, dass sich das so bald auch nicht ändern wird. „Unser Bischof will eine Prioritätenliste erstellen. Dann wird entschieden, welche Kirchen nicht mehr erhalten werden.“

Die evangelische Kirche betrifft das genauso. „Religion braucht gute Orte, an denen man sich stärken kann und Trost erfährt“, sagt der Münchner Regionalbischof Christian Kopp. Er ist ab November der neue Landesbischof und weiß: „Wenn wir weniger Evangelische in Bayern werden, dann können wir uns weniger Orte leisten.“ Die Gemeinden entscheiden hier selbstständig, die Landeskirche gibt Hilfestellung: „Priorität A ist immer die Kirche. Da möchten wir solange wie möglich viele der Standorte erhalten. Die Menschen brauchen diese Orte.“

Pfarrerin Sabine Arzberger stellt gerade einen Antrag, um von der Landeskirche Zuschüsse für die Renovierung der Friedenskirche in Bad Wiessee zu bekommen. Die Treppe bröckelt, durchs Kirchendach und den Turm regnet es rein. Die Sanierungskosten belaufen sich auf 816 000 Euro. Selbst wenn die Landeskirche den Zuschuss gewährt, muss die kleine Pfarrei über die Hälfte selbst stemmen. Arzberger sammelt deshalb Spenden. In sechs Wochen sind nach einer öffentlichen Bitte in den Medien rund 30 000 Euro zusammengekommen. „Auch von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind“, berichtet sie. Das berührt sie – zeigt ihr, wie wichtig Kirchengebäude für die Menschen sind. „Sie hängen daran – auch die, die nicht oft in Gottesdienste gehen.“ Doch Arzberger weiß: Es wird immer schwerer, für Kirchenrenovierungen genug Geld zu bekommen. „Ich fürchte, dass in Zukunft mehr Kirchen umgewidmet oder verkauft werden müssen, wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt.“

Viele spenden für Erhalt der Kirchen – auch Ausgetretene

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