Am Morgen des 9. Mai schaltete ich die Live-Übertragung der Militärparade zum „Tag des Sieges“ in Moskau ein. Kaum zu glauben, dass ich vor vier Jahren an diesem Tag selbst dort war. Ich marschierte mit dem „Unsterblichen Regiment“ durch Moskau und trug das Bild meines Großvaters, der im deutsch-sowjetischen Krieg gekämpft hat. Es schien mir damals sehr wichtig, auf diese Weise sein Andenken zu ehren. Vier Jahre später bin ich nach Deutschland geflüchtet. In meiner Heimatregion Odessa sind russische Raketenangriffe häufiger geworden. Meine Eltern hören nicht nur das Heulen von Luftalarm-Sirenen, sondern auch Explosionen in der Ferne. „Diesmal wackelte das Haus nicht, nur das Bett hat ein bisschen gezittert“, erzählt mein Vater nach einem Angriff. Mir kommt das alles immer surrealer vor.
In den letzten Wochen ist aber auch viel Erfreuliches passiert. Ich habe wieder an der Lebensmittel-Sammelaktion teilgenommen. Ich habe Kunden des Lidl-Markts am Eingang gebeten, beim Einkauf ein Produkt zusätzlich zu kaufen und dieses in Kisten der Tafel zu legen. Eine Familie brachte uns einen ganzen Einkaufswagen voll mit Lebensmitteln. Sie kauften fast nichts für sich selbst und sagten, es sei alles für die Bedürftigen. In solchen Momenten möchte man immer vor Glück weinen. Ein weiteres Highlight waren zwei Hofflohmärkte – im Westend, wo ich wohne, und in der Ludwigsvorstadt, wo ich meinen ersten Monat in München bei einer Gastfamilie gelebt habe. Das ist eine großartige Gelegenheit, Nachbarn und Stadtviertel kennenzulernen und Innenhöfe zu sehen, die ich sonst nie betreten hätte. Man kann Sachen, die man nicht mehr braucht, ein zweites Leben schenken. Ein paar meiner Klamotten habe ich auch verkauft. Aber das Wichtigste ist, dass diese Märkte so viel über die Geschichte und Kultur der Menschen aussagen. Antikes Geschirr, 100 Jahre alte Puppen, Kinderzithern, seltene Schallplatten, Kleider… Alles hat seine eigene Geschichte.
Außerdem ist kürzlich etwas passiert, das mir immer in Erinnerung bleiben wird. Während meiner Arbeitsschicht im Hotel kam eine Frau an die Rezeption. Ich dachte, sie will wie alle anderen einchecken, aber sie liest schon lange meine Texte und hat mir ein Geschenk mitgebracht. Es war eine ganze Tüte mit bayerischen Süßigkeiten, Tee, einer Kerze, einem gläsernen Schutzengel, einem Gedichtband und einer Postkarte. Darauf stand: „Wir freuen uns, dass es dich gibt. Für deine Heimat beten wir täglich um Frieden.“ Ich war verwirrt und glücklich. Als ich sie am Abend anrief, um mich noch einmal bei ihr zu bedanken, sagte sie nur: „Ich wollte dir eine Freude bereiten. So was macht uns alle menschlicher.“ Ihre Worte prägten sich mir tief in die Seele ein.