Poing/Pullach – Die Plattl-Schuhe bindet sich Schorsch Haller vor Wettkämpfen niemals selbst zu. Es bringt Glück, wenn das sein Stiefvater übernimmt. Manchmal zupft der ihm auch die Strümpfe grade – erst dann tritt der 19-Jährige in den blauen Kreis und legt los. Dieses Ritual pflegt er nun seit zehn Jahren – und wer weiß, vielleicht hat es dabei geholfen, dass der junge Mann aus Poing im Kreis Ebersberg jedes Jahr den ersten Preis seiner Altersgruppe abgeräumt hat.
Hallers Schuhplattler-Karriere begann ungefähr zu der Zeit, als er das Laufen lernte. Zumindest kann er sich an keine Zeit in seinem Leben erinnern, in der er nicht geplattelt hat. Wie sollte das auch gehen, schließlich ist er in einer Familie aufgewachsen, in der das Plattln sozusagen zum Alltag gehört. Und wenn ein Gaufest ansteht, so wie in dieser Woche in Gauting, dann gibt es für die Hallers natürlich keinen wichtigeren Termin.
Besonders dieses Jahr. Denn wegen Corona sind die Plattl-Wettkämpfe in den vergangenen Jahren ausgefallen. Schorsch Haller tritt nun erstmals in der Königsdisziplin der 17- bis 35-Jährigen an. Und eigentlich sogar unter erschwerten Bedingungen. Denn vor einigen Monaten ist ihm im Sprunggelenk ein Band gerissen. Unmöglich, im Mai bei der Plattl-Meisterschaft anzutreten, sagten ihm die Ärzte. Für Schorsch Haller war es unmöglich, das zu akzeptieren. Er trainierte umso härter im Fitnessstudio. Die letzte Zeit sogar fünf Mal pro Woche. Als Schuhplattler ist schließlich auch Kondition gefragt. „Es sieht vielleicht nicht nach viel aus, aber es ist nicht so einfach, anderthalb Minuten alles zu geben“, sagt er.
Natürlich ist in dem blauen Kreis noch weit mehr gefragt, als Ausdauer. „Es geht um absolute Perfektion“, betont Haller. Jeder Schlag, jeder Schritt muss sitzen. Wenn nur ein Klatscher leiser ist als die anderen, gibt es gleich Punkteabzug. Er tritt gemeinsam mit seiner Mutter in den Ring. Denn die weiß genauso sehr wie er, was sie tut. Die Frauen müssen sich möglichst nah an der blauen Linie entlang im Kreis drehen. Aber sie dürfen die Linie auf keinen Fall übertreten. „Ein Spiel mit dem Feuer also“, sagt Schorsch Haller und lacht. Lachen und Freude-Juchzen gehört zur perfekten Plattl-Darbietung übrigens auch dazu. Die Pullacher, in deren Verein Haller plattelt, beherrschen das. „Es ist unser Erfolgsrezept, dass wir besonders viel Schmiss reinbringen“, sagt der 19-Jährige.
Er wird nicht nur mit seiner Mutter im Ring stehen, sondern auch in der Gruppe. Dann ist die Anspannung besonders groß. Schließlich will er seinem Team ja nicht die Chance auf den Sieg vermasseln. Es geht um den bayerischen Löwen – einen Preis, den sein Stiefvater vor 21 Jahren mit Unterstützung des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ins Leben rief. Die Pullacher wollen sich den Pokal in Gauting unbedingt sichern. Konkurrenz kommt allerdings sogar auch aus Nordamerika – weshalb man diesmal von einer Weltmeisterschaft sprechen könne, so Haller. Und vom Schuhplattln würden die Amerikaner auch was verstehen. Schon jetzt freut er sich auf den Moment, wenn ihm sein Stiefvater kurz vor dem Auftritt die Schuhe bindet und das Adrenalin in seinen Körper schießen wird. „Egal, wie oft man schon angetreten ist, daran ändert sich nie etwas“, sagt er.