Der Heiland wird „naufgegeigt“

von Redaktion

Schauspiel in Mittenwald zu Christi Himmelfahrt: Christus schwebt ins Kirchengewölbe

Mittenwald – „Bis jetzt is er immer eikimma, da wird er heuer a eikemma.“ Georg Malla spricht sich selber ein wenig Mut zu, wenn er an Christi Himmelfahrt denkt. Ein wenig aufgeregt ist er nämlich schon. Der 34-Jährige ist der neue Mesner von St. Peter und Paul in Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) und heuer am Donnerstag zum ersten Mal dafür verantwortlich, dass Christus vor den Augen aller Gottesdienstbesucher durch das Heiliggeist-Loch im Chor der Kirche auffährt in den Himmel. Die Mittenwalder Kirche ist eines der wenigen Gotteshäuser im Erzbistum München und Freising, wo zum Hochfest Auffahrt eine Christusfigur mit Muskelkraft hochgezogen wird und in gut zehn Metern Höhe in der Decke im Kirchenschiff verschwindet.

Ganz so einfach ist es nicht, die etwa 70 Zentimeter große Holzfigur des Triumphators, der in der linken Hand ein Siegesbanner hochhält, durch das Loch zu ziehen. Das weiß auch Georg Krinner (70), der mehr als 40 Jahre Mesner in Mittenwald gewesen ist und für die Auffahrt viele Male aus der Sakristeitür per Handzeichen die Befehle gegeben hat. Verkantet hat sich der Herrgott bisher kein einziges Mal – aber von Hall in Tirol kennt Krinner eine Spottlegende: „Da ist in der Kirche bei der Himmelfahrt die Figur runtergefallen.“ Das sei eine Gipsfigur gewesen, die in tausend Scherben zersprungen sei. „Da ham’s gsagt: Rauf muss er. Ham die Scherbn in’ Kübl nei und naufzogn.“ Seither werden die Bewohner der Stadt Hall mit dem Spottnamen Haller Kübel bedacht. Ob’s wirklich passiert ist? Krinner lacht und zuckt mit den Schultern. Hier, in Mittenwald jedenfalls, lief bisher alles wie am Schnürchen.

Zwei Männer von der Kirchenverwaltung stehen am Feiertag auf dem Dachboden an der alten Spindel und drehen den an einem Seil hängenden Christus in gleichmäßiger Bewegung aufwärts. Rechts und links von ihnen stehen die ältesten Ministranten, die jeweils einen Barockengel mit brennender Kerze nach oben ziehen: Unter den Klängen der eigens komponierten Himmelfahrts-Ouvertüre für Orchester von Joseph Küffner (1776–1856) begleiten sie im Idealfall tanzend der Herrgott in luftige Höhen. Und Georg Malla gibt die Zeichen, damit nicht zu schnell oder zu langsam hochgezogen wird. Dieses Mal per Handy.

Pfarrer Michael Wehrsdorf (68) liebt diesen alten Brauch. Er hat vor acht Jahren wieder eingeführt, dass der Christus zu der eigens komponierten Ouvertüre hochgezogen wird. „Bis dahin hatte zur Auffahrt die Orgel gespielt“, erzählt der Pfarrer. Für den Organisten war das praktisch: „Der hat so lang gespielt, bis der Heiland durch das Loch war.“ Dem Orchester-Dirigenten war die Ouvertüre nicht so recht: „Weil dann die Aufführung genau mit der Auffahrt passen muss“, schmunzelt Wehrsdorf. Es ist eine muntere Musik, bei der die Barockengel regelrecht zu tanzen anfangen. „Jetzt wird er naufgegeigt“, sagt man in Mittenwald. Wenn die letzten Töne ausklingen, muss der Heiland verschwunden sein. Die Engel allerdings werden nur unter die Kuppel gezogen und bleiben dort bis Pfingsten hängen. Dann kommen sie zusammen mit der Heilig-Geist-Taube wieder herab.

Der Ritus der Auffahrt beginnt direkt nach dem Evangelium. „Da verzichte ich auch auf die Predigt“, verrät der Pfarrer. Stattdessen gebe es eine „Bildpredigt“ – alle schauen nach oben. Etwa sieben Minuten dauert die Himmelfahrt Christi. So lange, wie auch in der Regel Wehrsdorfs Predigten dauern.

An Christi Himmelfahrt schauen die Gläubigen in Mittenwald ganz genau, in welche Richtung sich der Christus dreht. Auch da gibt es eine Legende: „Wo sich der Heiland hindreht, da kommen die ersten Unwetter her“, sagt der Alt-Mesner Krinner. Früher seien alle Mittenwalder Selbstversorger gewesen, mit ein, zwei Kühen. Die mussten natürlich wissen, wo die Unwetter aufziehen.

In den meisten Kirchen des Erzbistums ist der Brauch des Christusaufziehens verschwunden, wurde als barocker Kitsch abgetan. „Wir sind glücklich, dass wir das in Mittenwald noch erhalten haben“, sagt Georg Krinner. „Die Leut wollen doch was sehen.“ So soll es auch bleiben in Mittenwald – und mit dem neuen Mesner Georg Malla ist die Tradition gesichert.

CLAUDIA MÖLLERS

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