Neuching – Gabi und Gerd Trippner sind wie so oft mit Hündin Gina entlang der Dorfen spazieren, die hier bei Lüß bei Neuching im Kreis Erding als kleiner Bach dahinspringt. Als ihr Blick über die Böschung am Ufer wandert, sticht ihnen eine Flasche ins Auge, die sich im Geäst verkeilt hat. In der leeren, fest verschlossenen Glasflasche ist ein gerolltes Papier zu erkennen. Die Neugierde ist geweckt. „So etwas findet man ja nicht alle Tage“, sagt Gerd Trippner. Geocaches, seltene Tiere und ungewöhnliche Pflanzen am Wegesrand hat das Paar zwar schon öfters entdeckt, aber eine Flaschenpost ist den beiden noch nie untergekommen. Also steigt der 63-Jährige runter in die Dorfen, die an der Stelle höchstens einen Meter tief ist, und angelt nach der Flasche samt Inhalt.
Wieder zu Hause öffnen die beiden die Flasche und finden einen langen Brief, datiert auf den 4. März dieses Jahres. Sie lesen die Geschichte einer jungen Münchnerin, die nach dem Tod ihrer Eltern einen Käufer für ihr Elternhaus in Riedlingen an der Donau sucht. „Wahrscheinlich hat noch nie jemand einen Käufer für eine Immobilie über eine Flaschenpost gefunden“, ist darin zu lesen. Und: „Mein Herz hofft, dass dieses Flaschenpost rechtzeitig beim richtigen Menschen ankommt. Ich freue mich auf deine Nachricht – wann immer das ist und auch, wenn du unser Haus vielleicht gar nicht kaufen möchtest.“ Dazu gibt es auch eine Handy-nummer und die Aufforderung, über WhatsApp Kontakt aufzunehmen.
Die Trippners sind in Neuching glücklich, sie leben auf einem großen Grundstück mit Pferden und Hündin Gina. An einem Haus in Riedlingen sind sie nicht interessiert. Gerd Trippner sieht die Sache pragmatisch und will die Flaschenpost wieder verschließen und der Dorfen übergeben. Aber seine Frau hat Blut geleckt. „Das war so ein ungewöhnlicher Brief, da wollte ich mehr über den Menschen wissen, der dahintersteckt und habe an die Nummer geschrieben“, erklärt sie.
Die Absenderin der Flaschenpost ist Sonja App. Sie hat die Flasche vom Münchner Lehel aus in die Isar geworfen. Danach muss die Flasche den Weg über den Mittleren Isarkanal in Oberföhring durch den Ismaninger Speichersee und von dort schließlich in das kleine Flüsschen Dorfen genommen haben, vermutet App. „Das war so nicht geplant“, sagt sie. Eigentlich hätte die Flaschenpost weiter in der Isar treiben sollen, vorbei an Freising bis in die Isarmündung bei Deggendorf und schließlich in die Donau. „Unsere Familie hat eine enge Verbindung zur Donau“, erklärt App.
Die Flasche, die Gerd Trippner aus der Dorfen gezogen hat, ist nicht die einzige, die App in die Fluten geworfen hat. Sie stand schon auf mehreren Brücken in München und Freising, erzählt sie. „Ich möchte das Projekt weiterführen und entlang der Donau Flaschen in den Fluss werfen, immer ein Stück weiter unten, bis ich irgendwann am Bosporus stehe.“ Das alles tut sie, um einen Käufer für ihr Elternhaus zu finden. Denn ihre Brüder hätten kein Interesse an dem Haus. Sie selbst könne es leider nicht übernehmen, da sie in diesem Fall ihre Brüder ausbezahlen müsste, erklärt sie. Das sei parallel zur Finanzierung einer Immobilie in München aber unmöglich. Das Haus habe eine Seele und erzähle so viel von seinen Bewohnern, findet sie. Deshalb sind ihr die klassischen Wege der Vermarktung zu kühl und unemotional. „Mir ist das zu nüchtern, wie Immobilien vermarktet werden“, sagt App. „Ich will nicht einfach nur irgendjemanden für unser Haus. Ich suche jemanden, der das Lebenswerk meiner Eltern wertschätzt.“
Dass sie über diesen ungewöhnlichen Weg tatsächlich fündig wird, daran glaubt App nicht wirklich. Aber das Projekt ist für sie Teil ihrer persönlichen Trauerarbeit. „Das ist eine Art Abschiedsritual für mich“, sagt sie. Gabi Trippner kann das nachvollziehen. „Alte Häuser erzählen eine Geschichte“, sagt sie. „Sie sind verbunden mit den Erinnerungen und Erlebnissen, die Menschen in ihnen gemacht haben.“ Die junge Münchnerin ist ihr sympathisch. Zwischen den beiden ist ein netter Kontakt entstanden. Apps Flaschenpost haben Trippners wieder fest verschlossen und in die Dorfen geworfen – in der Hoffnung, dass der nächste Finder vielleicht Interesse an Apps Elternhaus hat.