KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER Wes Geistes Kind sind wir?

von Redaktion

Wes Geistes Kind sind wir? Ein schöner Satz, gerade an Pfingsten. Zugegebenermaßen verwendet kaum jemand mehr eine solche Formulierung. Grammatikalisch ist die Genitivkonstruktion zu anspruchsvoll in Zeiten voll elektronischer Nachrichten, die strotzen von LOL, ILU oder BTT. Damit keine babylonische Sprachverwirrung entsteht: Übersetzt heißt LOL „laughing out loud“, was ungefähr so viel heißt wie „ich schmeiß mich weg vor Lachen“. ILU ist das romantisch kaum zu überbietende Kürzel von „I love you“ – ich liebe dich. Aber BTT, „back to topic“, zurück zum eigentlichen Thema.

Am ersten Pfingstfest erwiesen sich die Jünger und Jüngerinnen Jesu als Sprach-genies. Der Multikultui-Gesellschaft in Jerusalem haben sie mit Schwung und allgemein verständlich von ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit Jesus, dem Mann aus Nazareth, erzählt. Im Wortsinn begeistert berichteten sie dem staunenden internationalen Publikum von den Taten und Worten des Gottessohnes. Sie zitierten Propheten und Psalmen, und ließen absolut nichts aus – erst recht nicht Kreuz und Auferstehung. Den Verdacht, sich frühmorgens schon ordentlich einen hinter die Binde gegossen zu haben, konnte vor allem Petrus wortgewaltig widerlegen. So komplex redet niemand, der angeschickert ist. Nachdem also selbst die Spötter kapiert hatten, wes Geistes Kind die Jünger und Jüngerinnen sind, haben sich rund 3000 Leute, so steht es in der Apostelgeschichte des Neuen Testamentes, mit Kind und Kegel taufen lassen. So eine geistliche Massenbewegung ist heutzutage auch eher selten. Immerhin habe ich die Ehre, morgen, am Pfingstsonntag, eine Luzia Valerie taufen zu dürfen.

Wes Geistes Kind sind wir? An Pfingsten könnte man nachdenken, wer unsereinen nachhaltig geprägt hat. So sehr, dass man enthusiastisch davon sprechen mag. Viele fallen mir ein. Die Eltern mit der Gabe, einen wachsen und werden zu lassen, eine Lehrerin, die versteckte Talente hervorgelockt hat. Freunde mit ihrer unverbrüchlichen Treue. Eine Lyrikerin mit ihren Gedichten, Schauspieler in einer ganz bestimmten Rolle.

Seelsorgende, die dann Zeit und Worte hatten, als man sie brauchte. Menschen, die die Geistesgeschichte wahrhaft reformiert haben.

Wes Geistes Kind sind wir? Den Nazarener muss ich unbedingt auch nennen. Wenn ich es recht sehe, sind die Menschen, die mich geprägt haben, mehrheitlich von ihm inspiriert. Vielleicht sollte ich demnächst in meiner elektronischen Kommunikation mal OMG, „oh my god“, verwenden. Aber das ist wahrscheinlich dann wieder erläuterungsbedürftig. Wie viele Zeichen habe ich? Manche Liebeserklärungen brauchen einfach Raum.

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