Paul Puppe wird 1942 in Halle an der Saale geboren – in der DDR wächst er nach dem Krieg voller Entbehrungen auf, wird Maurer, macht eine Pflegeausbildung im Krankenhaus und arbeitet auch als Zivilangestellter für die NVA. Nach seiner Ausbildung zum Buchhändler reist er als Handelsbeauftragter für den Buchexport der DDR mehrmals in den Westen – und 1977 bleibt er einfach hier. Ein großer Schritt, denn Frau und Sohn müssen vorerst in der DDR ausharren. Erst arbeitet Paul Puppe in der Verlagsbranche, 1992 übernimmt er die Buchhandlung am Starnberger Bahnhof – und wird zu einer lokalen Legende. Jetzt hat der 81-Jährige ein lesenswertes Buch über sein Leben geschrieben.
Herr Puppe, Sie beschreiben die DDR in Ihrem Buch als größtes Zuchthaus der Welt. Was war für Sie besonders bedrückend?
Alles war immer knapp. Meine Eltern sind stoppeln gegangen für ein paar Kartoffeln und Rüben. Sie mussten beide den ganzen Tag arbeiten und markierten das Brot, das für uns alle reichen musste – damit sie merken, wenn ich davon esse. Eine Linderung brachten die Lebensmittelkarten. Als unser Sohn 1964 geboren wurde, hatte er Ernährungsstörungen. Der Kinderarzt sagte sarkastisch: „Der hat die Orangenkrankheit.“ Der Bub litt an Vitaminmangel, weil es keine Südfrüchte gab. Meine Frau und ich entschieden bewusst, in diesem System kein zweites Kind zu bekommen.
Als Jugendlicher machten Sie das Beste draus…
Wenn man jung ist, ist man offen und unbeschwert. Wir versuchten, uns an den wenigen Informationen aus dem Westen zu orientieren. Wir machten unsere Haare wie die von Elvis Presley. Einmal habe ich die schwarze Hose meines Großvaters umschneidern lassen, damit sie aussieht wie eine Jeans. Über ein Kofferradio, das uns Verwandte aus dem Westen besorgt hatten, hörten wir Radio Luxemburg.
1977 machten Sie als Handelsbeauftragter erstmals eine Dienstreise in den Westen. Wie war das?
Ein richtiger Schock. Die DDR-Propaganda hatte uns von Arbeitslosigkeit, von wirtschaftlichen Misserfolgen, von Hetze gegen die DDR erzählt. Aber es war ganz anders. Mein Bild vom schlimmen Westen zerbrach über Nacht. Als meine Frau 1978 endlich ausreisen durfte und mir in den Westen folgte, kam sie mit unserem Sohn um 6 Uhr in München mit dem Zug an. Als Erstes sind wir in den Supermarkt gegangen. Als meine Frau vor der Fleischtheke stand, brach sie in Tränen aus. Das drückt eigentlich alles aus.
Erinnern Sie sich an Ihre erste Reise nach Bayern?
Oh ja. Ich musste nach Ruhpolding. Alleine die Anfahrt auf der Alpenstraße… ein Traum. Dann streikte mein Auto auf der bergigen Strecke. Ein Buchgroßhändler half mir, einen Werkstatttermin zu bekommen, wo zum Glück ein Mechaniker aus der DDR arbeitete, der meinen Wartburg reparieren konnte.
Wurden Sie in Bayern auch angefeindet als „Ossi“?
Es gab nette Missverständnisse. Als ich das erste Mal Brötchen kaufen wollte, habe ich natürlich Brötchen gesagt. Als ich die Tüte daheim ausgepackt habe, waren Brezen drin. Die Verkäuferin wusste nicht, was ich will – und ich hatte keine Ahnung, dass man hier Semmeln sagt. Die ersten Jahre gab es ab und zu auch Spitzelverdächtigungen.
Auch Mobbing?
Ja. Meine Frau wollte hier so schnell wie möglich wieder als Krankenschwester arbeiten. Ich hatte gute Kontakte zu einem großen Unternehmen, sie sollte dort als Betriebsschwester eingestellt werden – die Bewerbung war eigentlich durch. Dann wurde sie plötzlich abgelehnt. Spitzelverdacht. Und bei meiner allerersten Bewerbung bei einem ehemaligen Geschäftspartner sagte der: Ich kann Sie nicht einstellen, mit dem Dialekt kann ich Sie nicht losschicken.
Trotzdem wollten Sie bleiben: 1977 erklärten Sie der DDR, dass Sie nicht mehr zurückkommen. Warum?
Meine Frau und ich wollten schon 1961 in den Westen, der Mauerbau vernichtete unser Pläne. Allein um unsere Pläne offen zu besprechen, mussten wir mitten in der Nacht in den tiefen Wald. Damit ja niemand mithört. Das Gefühl der Begrenztheit der Gedanken, der Meinungsäußerung war schlimm. Der Gedanke an Freiheit hat uns jedoch nie verlassen. Mein Weg in die Freiheit wurde geebnet durch meinen opportunistischen Lebensstil. Ich hatte aber stets das Gefühl, auch im Westen bespitzelt zu werden. Dann hatte ich einen schlimmen Albtraum, dass sie mich verhaften, weil ich vielleicht eine unbedachte Äußerung gemacht habe. Wie richtig die Entscheidung war, zeigten mir die Stasi-Unterlagen, die wir 1994 erhielten.
Wie sehr belastet Sie Ihre DDR-Vergangenheit noch?
Die Stasi-Akte war ein Auslöser für das Buch. Ich hab mit 14 eine Maurerlehre begonnen. Wir haben die Ziegelsteine noch aufs Gerüst getragen, Flüssigbeton auf dem Rücken hochgeschleppt. Ich musste deshalb mit einer Wirbelsäulenverkrümmung ins Krankenhaus – so kam ich auf die Idee, Krankenpfleger zu werden. Vorher hatte ich mich für eine Hochschule beworben, aber ich wurde aus fadenscheinigen Gründen nicht genommen. In meiner Stasi-Akte stand aber, dass ich wegen politischer Unzuverlässigkeit abgelehnt wurde. Das habe ich erst 1994 erfahren. Das Schlimmste war der Tod meiner Mutter 1980, wo ich nicht zum Begräbnis durfte. Davon hatte ich lange Albträume. Als ich vor einiger Zeit schwer erkrankte und nicht wusste, wie lange ich noch lebe, beschloss ich, alles aufzuschreiben.
Mit bemerkenswert vielen Details – Sie wussten sogar noch, wie viel Ihr erster West-Kaffee kostete…
40 Pfennig. Das war für mich so einprägsam. Ich hatte im Kopf, dass in der DDR ein Pfund Kaffee 40 Ostmark gekostet hat. Ich bin gereist mit 35 Mark Westgeld als Spesen – ein einmaliges Glücksgefühl, die DM in der Hand zu halten. Ich habe mich fast nur von Leberkässemmeln ernährt, um Mitbringsel für die Familie kaufen zu können.
Sie übernahmen dann 1992 die Buchhandlung am Starnberger Bahnhof. Wie fühlte sich das an?
Es war die Erfüllung meines Lebenstraums, selbstständig zu sein. Es war ein Zufall, dass ich am schönen Starnberger See gelandet bin – und großes Glück. Obwohl ich lange der Zugereiste war. 1992 habe ich die Buchhandlung in einem katastrophalen Zustand übernommen – ich musste bis 1998 auf die Umbaugenehmigung warten.
Fühlen Sie sich denn jetzt ganz daheim in Bayern?
Irgendwer hat mal zu mir gesagt, ich sei der Kulturpapst von Starnberg. Ich habe so viele Konzerte mit Jazz- und Swinggrößen organisiert. Es gibt kaum einen Autor, der nicht bei mir war. Ich habe riesige Veranstaltungen geplant. Dadurch war ich anerkannt. Ja, ich fühle mich hier daheim.
Interview: Carina Zimniok