Sie befanden sich in Lebensgefahr, waren für die Rettung aber recht undankbar: Die Bergwacht Ramsau hat wie berichtet ein Paar aus Nordrhein-Westfalen vom Watzmann gerettete. Weil der 37-Jährige und die 29-Jährige ihre Ausrüstung am Berg zurücklassen mussten, schimpften sie im Tal, sie seien „als Patienten noch nie so schlecht behandelt worden“. Thomas Meeß (58) ist Bereitschaftsleiter der Bergwacht Ramsau. Er war bei der Rettung dabei – und berichtet, wie er und seine Kollegen mit der gestiegenen Anspruchshaltung und Selbstüberschätzung vieler Ausflügler umgehen.
Wie riskant war der Einsatz am Watzmann für Sie und Ihre Kollegen?
Er war fordernd. Oberhalb von 2000 Metern herrschen sehr winterliche Bedingungen, damit sind Herausforderungen und Gefahren verbunden. Wir sind gut ausgebildet und gut ausgerüstet – aber ein Risiko bleibt immer.
Ein Problem war der dichte Nebel…
Genau. Ein Rettungshubschrauber konnte uns wegen des Nebels nur zum bis zum Watzmannhaus transportieren. Von dort sind wir weiter zum Hocheck und zum Grat aufgestiegen, das sind 800 Höhenmeter. Auf dem Grat herrschte dichter Nebel. Wir hatten gehofft, dass sich kurz eine Wolkenlücke auftun würde, damit wir die Urlauber per Hubschrauber zurück ins Tal bringen können. Glücklicherweise war das so. Dank einer exzellenten Flugleistung des Piloten konnten wir diese Lücke nutzen.
Warum mussten Sie mit den Urlaubern erst diskutieren, bevor sie in den Hubschrauber stiegen?
Die haben die Situation komplett falsch eingeschätzt. Das war wirklich eine brisante Situation. Wir hatten nur ein kurzes Zeitfenster, das wir nutzen mussten. Sie wollten aber erst ihr Biwak abbauen. Wir haben versucht, ihnen klarzumachen, in welcher Gefahr sie sich befinden – und dass die Alternative eine Nacht auf dem Berg wäre. Der Rückweg über den Grat wäre unter diesen Bedingungen sehr schwierig geworden. Das hat sie zum Glück dazu gebracht, ihre Ausrüstung zurückzulassen.
Trotzdem war die Dankbarkeit über die Rettung nicht sehr groß…
Das stimmt. Offenbar hatten die beiden auch im Tal noch nicht verstanden, in welcher Gefahr sie geschwebt hatten. Meine Kameraden und ich waren noch auf dem Berg, als sie unten ankamen und zu meinen Kollegen sagten, sie seien als „Patienten“ noch nie so schlecht behandelt worden.
Wie wütend macht Sie so eine Reaktion?
Kalt lässt mich das nicht. Da ist man schon an dem Punkt, an dem man sich fragt, warum man sich selbst so in Gefahr bringt. Die beiden haben sich selbstverschuldet in diese Situation gebracht. Natürlich sprechen wir nach so einem Einsatz und so einem Verhalten untereinander darüber. Wir klagen nie jemanden an oder machen Vorwürfe – aber wir versuchen den Menschen klarzumachen, was sie für ein Glück hatten. In der Hoffnung, dass sie sich künftig in den Bergen anders verhalten. Viel länger denke ich nach so einem Einsatz aber darüber nach, was hätte passieren können, als darüber, wie undankbar die Urlauber waren. Wir waren einfach froh, dass wir alle gesund ins Tal gebracht haben. Denn auch für uns war der Abstieg bei winterlichen Bedingungen und zu dieser Tageszeit alles andere als ein Vergnügen.
Kommt es immer häufiger vor, dass Urlauber die Situation am Berg völlig falsch einschätzen?
Ja, ich habe schon den Eindruck, dass immer mehr Leute in den Bergen unterwegs sind, die sich selbst und die Rahmenbedingungen nicht richtig einschätzen können. Durch die vielen Bilder im Internet und den sozialen Medien wagen sich Leute heute auch an Routen, die sie sich früher nicht zugetraut hätten. Und denen sie nicht gewachsen sind.
Hat sich auch die Anspruchshaltung verändert?
Ja, hat sie. Es wird immer mehr als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass wir retten – egal, welche Bedingungen herrschen. Vielen ist sicher nicht bewusst, dass wir das ehrenamtlich machen. Teilweise ärgert mich das sehr. Aber glücklicherweise ist so ein Auftreten wie bei diesem Einsatz die Ausnahme. Die meisten Geretteten sind sehr dankbar.
Interview: Katrin Woitsch