Simbach am Inn – Johann Priemeier greift zur Fernbedienung. Er steht in der Anlieferzone seiner nagelneuen Bio-Mühle in Simbach am Inn im Kreis Rottal-Inn. Ein Traktor voller Bio-Hafer fährt vor. Den kleinen Schaltknüppel auf der Fernbedienung muss Priemeier jetzt gekonnt justieren, immerhin bewegt er damit ein fünf Meter langes Rohr in seine Ladung. Das Rohr ist ein riesiger Staubsauger, der eine Probe abzapft, bevor der Traktor das Tor zur Mühle passiert und ablädt.
Der ferngesteuerte Mega-Sauger ist nur ein Beispiel für die vielen Hightech-Anlagen, die Familie Priemeier in ihrer neuen Antersdorfer Mühle auf vier Etagen verbaut hat. Erst seit einigen Wochen herrscht hier Vollbetrieb. Überall glänzen Edelstahlrohre, rauschen Maschinen, leuchten Displays. Manche Anlagen strahlen wie Spielautomaten in Neonpink. Noch riecht man hier frische Farbe, aber auch Mehl und Röstaromen wie in einer Backstube.
„Feuchtigkeit ist der wohl größte Feind des Müllers“, sagt Priemeier und riecht an der Haferprobe. „Durch die Probe können wir das Getreide vorab auf seinen Feuchtigkeits- und Proteingehalt analysieren.“ Die Probe wird in einer Siebmaschine gereinigt, Staub und Steine aussortiert. Maximal 12 bis 13,5 Prozent Feuchtigkeit darf der Hafer enthalten – sonst könnte er im Silolager schimmeln. Nur Bio-Bauern, deren Getreide den Kriterien entspricht, dürfen weiter auf die Waage fahren und abkippen. Ist eine Charge nur etwas zu feucht, wird sie vorgetrocknet. Erst danach landet sie in einer der 72 Silozellen, deren Temperatur Sensoren rund um die Uhr prüfen. Alles hier ist hermetisch abgeriegelt, läuft vollautomatisch ab und lässt sich über eine App auf dem Handy überwachen. „Schädlinge wie Motten, Kornkäfer oder Mäuse haben so keine Chance“, sagt Priemeier.
In der Fabrik, die mit einer Bilderbuch-Mühle mit Rad gar nichts mehr zu tun hat, liegt nicht ein Holzscheffel. Edelstahl, Beton und Kunststoff garantieren Hygiene. „Als Bio-Mühle können wir keine Chemie einsetzen – nur Technik“, sagt Priemeier. „Mit der Wärmeentwesungsanlage heizen wir die Mühle über das Rohrsystem zweimal im Jahr auf 50 Grad auf – so sterilisiert sie sich selbst.“
Bis die Haferflocke in der Tüte landet, muss jedes Korn zur Reinigung und Verarbeitung durch das riesige Rohrsystem in den vierten Stock geblasen werden. Auch Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel verarbeitet die Mühle zu Mehl und Grieß. 250 Landwirte aus einem Radius von bis zu 120 Kilometern beliefern sie. „Künftig planen wir, mehr als 200 Tonnen Getreide pro Tag zu verarbeiten“, sagt Priemeier.
Stolz stehen er und sein Sohn Hannes heute in ihrer neuen Mühle. Der 28-Jährige, Müllermeister mit BWL–Master, will den Familienbetrieb in der fünfen Generation weiterführen. Der Senior, ein Bio-Pionier, der den Betrieb in den 1970er-Jahren wagemutig auf das neuartige Konzept umgestellt hat, dachte 2016 nach dem Hochwasser kurz ans Aufhören. Doch seine Kinder wollten weitermachen. Für einen zweistelligen Millionenbetrag kauft die Familie ein Grundstück und baute 2020 neu. „Nicht nur die Technik geht mit der Zukunft“, sagt der Senior-Chef. Auch das Angebot. „Wir haben drei Mühlen: eine Hafer-Schälmühle, eine Mehlmühle und eine glutenfreie Mühle.“
Jedes Korn wird zigmal gereinigt und überprüft. Nicht per Augenmaß, wie das Johann Priemeiers Ururgroßvater getan hat. Bis der Hafer zu feinen oder groben Flocken wird, scannen ihn dutzende, Augen – also hochauflösende, leistungsstarke Kameras.
Mini-Steine, die Siebe austricksen, weil sie so groß wie Haferkörner sind, werden vom „Steinleser“ durch rasend schnelles Wiegen aussortiert. Dann muss die Technik noch intelligenter sein: Der „Trieur“ scannt auf Form – Unkraut-Samen, die rundlicher als Hafer sind, sortiert er aus. Erst jetzt wird der Hafer geschält – der „Umluft Tarar“ sortiert die leichteren Schalen aus. „Die Fotosortierung ist der Endgegner“, sagt Hannes Priemeier. Kameras scannen die Körner auf Farbe, Oberfläche und Dichte. „Die Kameras, darunter eine mit Infrarot, erkennen Verfärbungen, die auf Pilzbefall hindeuten könnten.“
Erst jetzt ist das Flockieren an der Reihe: Im „Dämpfer“ wird der Hafer eine Stunde mit 100 Grad heißem Dampf behandelt. „Das aktiviert Enzyme, lässt die enthaltene Stärke verkleistern und erhält die langkettigen, gesunden Fette“, sagt Hannes Priemeier und nimmt eine Hand voll Hafer aus einer Kontrollluke. „Wäre er nicht warm und feucht, würde er im Walzenstuhl wie Sand zerbröseln.“ Aber feucht kommen die Flocken dem Müller nicht in die Tüte. Wieder heißt es Trocknen in der modernsten Mühle Niederbayerns.