Fleischlos glücklich auf der Hütte

von Redaktion

VON CORNELIA SCHRAMM

Stubaital – Die Terrasse der Neuen Regensburger Hütte im Stubaital füllt sich. 1090 schweißtreibende Höhenmeter stecken den Bergsteigern in den Wadln. Jetzt eine kalte Cola und eine Brotzeit mit Schwarzgeräuchertem und Kaminwurzen zur Stärkung. Doch beim Blick in die Karte fällt auf: Diese Hütten-Klassiker gibt es nicht. Wurstsalat und Speckknödel auch nicht. Dafür schlagen Vegetarier-Herzen höher – hier gibt’s ja nicht nur Käsespätzle.

Waffelknödel mit Tofu für 13 Euro, Nepalesische Linsensuppe für neun Euro und Gemüsestrudel mit Kürbiskernkruste für 11,50 Euro bieten Hüttenwirt Christian Tomaselli und sein Team an. Bis zu 15 Gerichte gibt es – alle rein vegetarisch. Pionierarbeit mitten in den Alpen: Die Neue Regensburger Hütte (2268 Meter) ist die erste Veggie-Hütte Tirols und gemeinsam mit der Greizer Hütte im Zillertal nur eine von insgesamt zwei Hütten des Deutschen Alpenvereins mit rein vegetarischer Speisekarte.

Für Christian Tomaselli ist es die erste Saison auf der Hütte 25 Kilometer südlich von Innsbruck – und die erste Saison als Hüttenwirt überhaupt. Das Gschnitztal ist die Heimat des 42-Jährigen. Vorher arbeitete er im Personalbereich zweier großer Unternehmen. „Ich verbringe jede freie Minute in den Bergen“, sagt der gelernte Schuhmacher. „Hüttenwirt wollte ich schon seit 15 Jahren werden – endlich hat es geklappt.“

Seit Donnerstag jongliert Tomaselli Teller und Gläser und bereitet Betten für Übernachtungsgäste vor. In der Hauptsaison bis Anfang September helfen zehn Mitarbeiter mit. Am Wochenende auch seine Frau Angelika und die Töchter Emma (11) und Julia (9). Die Hütte ist nur zu Fuß erreichbar und liegt am Falbesoner Bach – exponiert auf einer Steilstufe.

Tomasellis Wecker klingelt um 4.30 Uhr. Frühstück gibt’s ab sechs – ohne Fleisch. „Ich will nur regionale Lebensmittel von zertifizierten Bio-Betrieben aus dem Stubaital verarbeiten“, sagt er. Also muss das Frühstück auch ohne Orangensaft auskommen – die wachsen nicht im Stubaital. Dafür Johannisbeeren und Äpfel. Es gibt eine Müsli-Bar, Obst, Honig, Käse und Eier und selbst gemachtes Brot.

Auch auf den Hütten in der Region sind Bio-Produkte immer gefragter: Die Reintalangerhütte in Garmisch-Partenkirchen ist neuerdings die erste Bioland-zertifizierte Hütte des DAV. Die Karte muss fortan mindestens 90 Prozent Bio-Anteil haben.

Christian Tomasellis Ziel sind auch kurze Lieferketten und Anfahrtswege: „Gerade bieten wir viele Salate an. Mangold und Bärlauch wird auch zu Pesto oder in Teigtaschen und Knödel verarbeitet. Wir servieren unseren Gästen das, was die Bio-Bauern im Tal uns saisonal anbieten.“ Das Bio-Gemüse kommt aus einem sozialen Anbau-Projekt in Innsbruck, das Suchtkranken in den Alltag zurück hilft.

Den Aufwand nimmt Tomaselli in Kauf – ebenso die Hass-Kommentare, die ihn im Internet schon vor dem Saisonstart zerrissen haben. „Kann schon sein, dass mich auch mal ein Gast vor Ort für die fleischlose Karte kritisiert, aber dann erkläre ich gerne, was ich mir dabei denke“, sagt er. „Mein Ziel ist, dass ungespritztes Gemüse, das morgens noch auf dem Feld lag, abends bei uns auf den Tisch kommt und alles ohne Glutamat und Geschmacksverstärker zubereitet wird.“

Der Hüttenwirt selbst ist übrigens kein Vegetarier. „Ich ernähre mich überwiegend ohne Fleisch, aber ein-, zweimal im Jahr lasse ich mir auch mal ein schönes Steak schmecken“, sagt er. „Ich will auf der Hütte niemanden bekehren, aber die vielfältigen Möglichkeiten der vegetarischen Küche vorführen.“ Die Tiroler Küche sei bäuerlich geprägt, so Tomaselli. Fleisch gab es früher nur an Festtagen. Sonst nur Käse, Eier, Kartoffeln, Gemüse und Mehlspeisen. „Also gibt’s bei uns selbstverständlich auch Kaiserschmarrn und Bier! Wir sind trotz vegetarischer Karte keine spaßfreie Zone.“

Artikel 1 von 11