Kirchentag als Krafttankstelle

von Redaktion

In Nürnberg werden 100 000 Christen erwartet – Kanzler Scholz spricht

Nürnberg – Ein Großereignis der Zivilgesellschaft gegen Polarisierung, Krieg, Umweltzerstörung, Extremismus und Hunger wird in den kommenden fünf Tagen über 100 000 Christinnen und Christen in Nürnberg zusammenbringen. Beim 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag wird auch Polit-Prominenz vertreten sein: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) spricht am Samstag über „In bewegten Zeiten gemeinsam gestalten“, Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stellt sich am Freitag einer Diskussion über Verantwortung und Schuld in der Klimakrise, Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) spricht am Samstag mit dem früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck über „Außenpolitisches Handeln in der Zeitenwende“.

Natürlich ist auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dabei, wenn in seiner Heimatstadt der Kirchentag stattfindet. Der bekennende Protestant übernimmt am Freitag eine Bibelarbeit über die Passage „Was jetzt am Tage ist“ aus dem Buch Mose.

Für Heinrich Bedford-Strohm ist dies der letzte Kirchentag als evangelischer Landesbischof, denn er scheidet Ende Oktober aus dem Amt aus. An diesem Mittwochabend hält er im Eröffnungsgottesdienst auf dem Nürnberger Hauptmarkt die Predigt. Er freut sich trotz der schwierigen Zeiten mit Krieg, Klimakrise, gesellschaftlichen Polarisierungen, Inflation und Kirchenkrise auf ein Glaubensfest, das Hoffnung verbreitet. „Jetzt ist die Zeit, die Kraft des Evangeliums neu zu entdecken“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. In den fünf Tagen solle man die Kraft tanken, „die wir brauchen, um in einer schwierigen Zeit die Zuversicht neu zu stärken“. Nürnberg werde eine Kraft-Tankstelle für die Menschen sein.

Jetzt sei die Zeit, auf die großen Herausforderungen zu reagieren und „viel entschiedener als bisher weltweit die Klima-Erwärmung zu bekämpfen. Das Anliegen, dessen Dringlichkeit die Letzte Generation mit ihren umstrittenen Methoden versucht in die Öffentlichkeit zu bringen, jetzt wirklich mit konkreter Politik zu hinterlegen.“ Hier müssten sehr dicke Bretter gebohrt werden. Es müssten die „gewaltigen Herausforderungen aus moralischer und ethischer Verantwortung für unsere Kinder und Enkelkinder“ erkannt werden. Ein Thema, das für Diskussionen sorgen wird. Kirchentagspräsident Thomas de Maizière lobte die Klimabewegung. Sich auf die Straße zu kleben, sei übertrieben. Aber dass die Jugend Druck mache, sei ein Segen, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. Türen zu öffnen für Wege zur Überwindung von Krieg und Gewalt in der Welt ist für den Landesbischof ein ebenso wichtiges Thema für den Kirchentag, wie den Hunger zu bekämpfen. Es müsse der skandalöse Zustand überwunden werden, „dass jeden Tag 20 000 Menschen sterben, weil sie nicht genügend zu essen oder keine Medizin haben“.

Von Nürnberg müsse ein Zeichen der Zuversicht, Hoffnung und Kraft ausgehen: „Dass wir neu verstehen, dass diese Welt nicht den Bach runtergeht, sondern sie getragen ist von Gott. Er wird diese Erde nicht der Vernichtung preisgeben.“ Am Ende der biblischen Geschichte von der Sintflut und der Arche Noah stehe der Regenbogen, der Bund des Friedens. Bedford-Strohm, der auch Moderator des Weltkirchenrats mit 580 Millionen Mitgliedern ist, erlebt einen weltweiten Boom des Christentums – er wünscht sich, dass die Menschen sich von der Glaubenskraft und Lebensfreude derer inspirieren lassen, die viel weniger besitzen. „Das ist keine Frage der Höhe des Budgets, sondern ob wir Zuversicht und Hoffnung ausstrahlen.“

Beim Kirchentag werde es viele Beispiele geben, die zeigten: „Man kann auch mit weniger Mitgliedern, in anderen Zeiten, wo die Menschen sich aus Freiheit und nicht aus Tradition Gemeinschaften anschließen, viel Kraft entfalten.“ Dass Politik auf Kirchentagen eine wichtige Rolle spielt, findet Bedford-Strohm richtig: Spiritualität und Politik gehörten zusammen. An seinen Abschied denkt der Landesbischof noch nicht. „Jetzt ist die Zeit“, sagte er mit Hinweis auf das Motto des Kirchentags. Und er sei mittendrin. CLAUDIA MÖLLERS

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