KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER Ohren schmerzen

von Redaktion

Es gibt Krankheiten, die man nicht kennt. Solange, bis im Freundeskreis, in der Familie jemand betroffen ist – oder man selbst. Zu diesen heimlichen Plagen gehört die Hyperakusis. Mehr als 40 Prozent der Menschen mit Tinnitus sind davon betroffen – aber auch solche, die ganz normal hören und sich nicht mit Pfeiftönen herumschlagen müssen. Hyperakusis ist eine ungewöhnliche Empfindlichkeit gegenüber Umweltgeräuschen. Die Schwelle des Erträglichen sinkt dabei auf einen Wert weit unter 80 Dezibel ab. Die werden von einem Motorrad, von Klavierspiel, lauten Unterhaltungen und einem schreienden Baby locker erreicht.

Die Welt ist laut geworden. Ein einzigartiger, polyphoner Klangteppich legt sich über Busse, Eisen-, Tram- und U-Bahnen, über Bahnhöfe, Gehsteige und Lokale. Es gibt kein Entkommen. Lautgestellte Gespräche zum Mithören in jeder Sprache der Welt auch für alle, die nicht wollen, Verkehrslärm, Laubbläser, Gartenpartys …

Der oder die, die an Hyperakusis leiden, empfinden lautes, spitzes Geschrei und Gekreische als körperlichen Schmerz. Wer unter Hyperakusie leidet, kann von solchen Tönen erhöhten Blutdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Schmerzen vor allem im Ohren- und Kopfbereich bekommen. Oder Hautausschläge. Während andere die Geräusche (noch) normal finden, krümmen sich die Hyperakustiker, von denen es in Deutschland rund 800 000 geben soll, innerlich oder auch äußerlich. Sie werden nervös, manchmal aggressiv und ziehen sich aus Angst vor zunehmendem Lärm allmählich zurück. Die hohe Geräuschempfindlichkeit hat unterschiedliche Ursachen. Versierte Hals-Nasen-Ohrenärzte können Hyperakusie messen und diagnostizieren. Eventuell verschreiben sie einen Gehörschutz, der vor unangenehmen Frequenzbereichen bewahrt. Den kann man immer dann tragen, wenn etwas zu erwarten ist, was man als nervig laut wahrnimmt. Hyperakusie ist ein zermürbendes Leiden. Gut, wenn man sich helfen lässt. Zugleich besitzen die, die mit ihren Ohren besonders empfindsam sind, oft auch eine große Gabe. So ein Mensch kann die wirklich wichtigen Töne herausfiltern. Er oder sie hört wahrhaftig hin und versteht mit feinen Antennen, was andere eigentlich sagen – oder was sie nicht explizit zu artikulieren vermögen.

Was wäre unsere Gesellschaft ohne die, die merken, was nicht stimmt und denen man nichts vormachen kann? Ob mit oder ohne Hypersensibilität – es ist ein Segen, unter dem allgegenwärtigen Lärm nach Stille zu suchen, in der man sich selbst und anderen begegnen kann.

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