München – Als er die Treppe im ersten Stock des Münchner Strafjustizzentrums hinuntergeht, sieht Manfred Genditzki noch aus wie versteinert. Seine Gesichtszüge weichen erst auf, als er hinaustritt in die Sonne – und Ehefrau Maria herzlich küsst. „Danke“, flüstert Genditzki – und kann erstmals an diesem Tag wieder lächeln.
Endlich frei – jetzt auch offiziell. Nachdem das Landgericht den wegen Mordes angeklagten früheren Hausmeister am Freitag freigesprochen hatte, lud er seine Familie, Freunde und Unterstützer zum gemeinsamen Mittagessen ins Augustiner Stammhaus in der Neuhauser Straße ein.
Die zwei Kilometer ging er zu Fuß. „Ich habe viel zu verarbeiten“, sagt Genditzki. Er freue sich jetzt auf Zeit mit seiner Familie. Die 13 Jahre in Haft bringe ihm niemand zurück, sagt der 63-Jährige. Zwei seiner Kinder hat er kaum aufwachsen sehen.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum man auch nach dem Freispruch keine Jubelstürme von Genditzki erleben konnte. „Freude?“, überlegt er. Ja, natürlich freue er sich. Aber die Erschöpfung überwiegt. „Ich brauche jetzt Zeit“, sagt er.
Denn Zeit verloren habe er genug in seinem Leben. 13 Jahre, 23 Wochen und sechs Tage saß Manfred Genditzki im Gefängnis – unschuldig, wie sich am Freitag herausstellte. Zur Urteilsverkündung kamen sogar ehemalige Häftlinge aus der JVA Landsberg, die Genditzki noch kennen – natürlich wurden sie Jahre vor ihm entlassen. „Aber diesen Mann werde ich niemals vergessen“, sagt Yusuf (Name geändert). Vier Jahre habe er mit Genditzki in der Wäscherei der Justizvollzugsanstalt gearbeitet. „Manfred war für uns wie ein Papa“, sagt Yusuf. Er selbst saß wegen Betrugs, fast vier Jahre lang. „Unvorstellbar, wie man das 13 Jahre lang schafft – im Wissen, man ist unschuldig. Über die angeklagte Tat hat er mit uns aber nie gesprochen“, sagt der Ex-Häftling. Gesonnt habe sich Genditzki gerne, wenn er in den Hof durfte, erinnert sich Yusuf. „Das kann er zum Glück jetzt jeden Tag machen.“
Doch von Glück ist Manfred Genditzki noch weit entfernt. „Die Haft hat unsere Familie zerstört“, sagt seine Schwester Sybille bei der Feier nach dem Freispruch. „Diese Zeit kann auch nicht durch Geld aufgewogen werden.“ Sie spielt damit auf die Entschädigung an, die Genditzki zusteht – mittlerweile sind das 75 Euro pro Hafttag, also rund 368 000 Euro.
Schon Minuten nach dem Urteil gab sich Genditzkis Strafverteidigerin Regina Rick dazu kämpferisch: Sie will in jedem Fall die Münchner Rechtsmedizin verklagen und in Haftung nehmen. „Erst durch diese fehlerhaften Gutachten haben damals die Ermittlungen wegen Mordes begonnen.“
Zum Freispruch sagt sie: „Das ist ein Anfang“ dieses Unrecht aufzuarbeiten. Die vorherigen Urteile dagegen: Justizversagen. Tränen der Wut beschreibt Rick, als sie auf zehn Jahre harten Kampf gegen Fehlurteile zurückblickt. „Das spüre ich jetzt auch wieder“, sagt sie nach dem Freispruch. Erschöpfung äußert sie ebenso wie Genditzki: Das sei das beherrschende Gefühl. Aber: „Er ist stabil“, sagt Rick über Genditzki. Wie es für ihn jetzt weitergeht? „Er ist diszipliniert und wird weiter arbeiten“, glaubt seine Anwältin.
Im Augustiner schüttelt Genditzki viele Hände, nimmt Glückwünsche von allen Seiten entgegen. Anfangs lächelt er selten, als sei ihm die schiere Menge an Menschen unangenehm. Aber auch hier entspannt er sich mit der Zeit. Jahrelang, erzählt er, habe er sich auf gutes Essen gefreut, wenn er aus der Haft kommt. Ein Rumpsteak war es schließlich, dass er als Erstes verputzt hat, als er im August 2022 plötzlich aus der JVA Landsberg entlassen wurde. Doch dabei ging es ihm wie am Freitag, als er Schnitzel mit Pommes bestellte: „Ich habe nichts geschmeckt.“
ANDREAS THIEME