Die Deutschen, sagt man, sind ein Volk von Nationaltrainern. Nahezu jeder und jede weiß, wie unsere Fußballmannschaft aufgestellt sein müsste, damit sie mit Leidenschaft spielt, statt uninspiriert über das Spielfeld zu stolpern. Jamal Musiala, den deutsch-englischen Bayern-Flitzer, nehmen wir hier mal aus. Aber allein zerreißt man halt nix… Der Team-Spirit fehlt, die gemeinsame, brennende Lust am friedlich-freundschaftlichen Sieg.
Jedes Mal hockt sich unsereine samt Gatten wieder hoffnungsvoll vor den Fernseher und bibbert sich in Stimmung. Diesmal wird es gelingen! Sportlich-faire Attacken, herrliche Paraden, atemberaubende Sprints in den Torraum. Im März besiegten die Deutschen Peru. Aber nur, um anschließend gegen Belgien, Polen und Kolumbien zu unterliegen. Einzig gegen die Ukraine holte man ein Unentschieden heraus. Gerade die hätte man auch noch gewinnen lassen können. Alle wissen besser, wie es geht, als Hansi Flick, der das von Berufs wegen macht. Vor allem ich. Aber ich bin Schiedsrichter-Tochter und kenne mich aus. Ich stand schon mit zwei Jahren am Spielfeldrand und rettete meinen Vater, der wegen einer beinharten Entscheidung von den Spielern angegriffen wurde, durch ein besorgtes „Vati! Vati!“-Geschrei. Verbunden mit einem weißblonden Lockenkopf meinerseits waren diese engelsgleichen Rufe unwiderstehlich. Die Athleten ließen den Papa in Ruhe. Später zog er sich zurück, wenn er das Spiel im Fernsehen nicht ertrug. Die Tür blieb offen, damit er sich laut bei mir nach dem Stand erkundigen konnte. Die Mutter verschwand im Keller. Auch sie wollte informiert werden. Tochter zu sein, bedeutete bei uns, sich auszukennen mit Spielern, Trainern und Regeln. Und stimmgewaltig antworten zu können.
Nicht, dass Sie glauben, wir hätten mit uns und der Welt bloß schreiend kommuniziert. Nicht doch! Nur in fußballerischen Krisenzeiten. Die haben wir aber jetzt wieder. Im Herbst warten Japan, Frankreich und die USA auf die einstige „La Mannschaft“, ein emotionaler Ehrentitel. Danach, Anfang Advent, werden die EM-Endrunden-Spiele in der Hamburger Elbphilharmonie ausgelost. Advent heißt Ankunft, Erwartung. Allerdings ist der Messias damit gemeint. Soweit ich weiß, spielt er nicht Fußball, auch wenn viele Spieler ihn im Herzen und auf dem Trikot tragen.
Hansi Flick wird das hinkriegen. Er experimentiert jetzt so erfolglos herum, damit alle glauben, sie könnten uns schlagen. Aber die deutsche Mannschaft ist eine Turniermannschaft. Deshalb sollten wir wacker in die Zukunft schauen. Es darf nur keiner vergessen, den Spielern rechtzeitig zu sagen, wann die EM angefangen hat. Und falls Sie selbst sich mal bei einem Spiel verkriechen möchten: Ich bin da. Schiedsrichter-Töchter beantworten viele Fragen. Nicht bloß zum Fußball.