Der Gipfel der Gemeinschaft

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Benediktbeuern – Der Winter 1875 hat es in sich. Schon im Oktober liegt Schnee im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Zu früh für die Holzer, sie haben ihr wertvolles Stammholz noch nicht ins Tal gebracht. Ihnen bleibt in dieser Notlage nur eines: ein Pakt mit den Zuständigen im Himmel. Vier Männer legen das Gelöbnis ab, ein Kreuz auf dem Gipfel der Benediktenwand zu errichten, wenn sich das Wetter bessert. Und ihre Bitte wird erhört. Das Wetter wird milder, das Holz kommt ins Tal – und auf dem Gipfel der Benediktenwand steht zwei Jahre später ein zehn Meter hohes Kreuz. Heraufgetragen mit purer Muskelkraft. So ist es bis heute Tradition.

In den kommenden Tagen wird diese Tradition zum sechsten Mal zelebriert. Das letzte Kreuz hat mit 65 Jahren erstaunlich lange gehalten. Die Vorgänger-Kreuze verfaulten, stürzten ein – einmal schlug sogar der Blitz ein. Das neue Gipfelkreuz ist bereits gesegnet. Es ist 9,60 Meter hoch, 4,80 Meter breit und wiegt 1,4 Tonnen. „Das ist, wie wenn man ein Mittelklasse-Auto 600 Höhenmeter auf den Berg trägt“, sagt Lorenz Kellner, der das Projekt koordiniert. Die Vorbereitungen laufen bereits seit Dezember. Drei Bäume wurden gefällt, Helfer mussten zusammengetrommelt werden. Insgesamt meldeten sich 140 Männer aus Benediktbeuern, die das Gipfelkreuz nur mithilfe von Querriegeln den Berg hinauftragen werden. Das wird bald passieren – wann genau wollen Feuerwehr und Bergwacht nicht verraten. Zu viele Schaulustige wären hinderlich. Die Wege sind nicht breit, besonders im Gipfelbereich könnte es sonst für den Tross zu gefährlich werden. Natürlich wäre es einfacher, das Kreuz per Hubschrauber auf den Gipfel zu fliegen. In Benediktbeuern ist das aber keine Option. Der Pakt gilt noch heute. „Wir machen das gemeinschaftlich mit Dorf-Power“, sagt Kellner.

Mit dabei sein wird Georg Rauchenberger. Für den 73-Jährigen ist es das zweite Kreuz-Aufstellen in seinem Leben. Damals, 1958, war er als Achtjähriger dabei. „Mein Vater hat mich damals mitgenommen“, erzählt er. Den Tag wird er niemals vergessen. „Damals war ein brutales Sauwetter, die Wege waren regelrecht weggeschwemmt“, erzählt er. Und die Burschen haben sich unendlich geplagt. Die Traktoren, die das Kreuz auf dem ersten Wegstück transportieren, hatten damals erst 15 PS. „Als wir an der Tutzinger Hütte waren, hat es plötzlich aufgeklart“, erzählt Rauchenberger weiter.

Diesen unbeschreiblichen Moment, als das neue Gipfelkreuz endlich oben stand, will er sich natürlich auch diesmal nicht entgehen lassen. Mit seinen 73 Jahren kann er zwar nicht beim Kreuztragen helfen – aber beim Material- und Verpflegungstransport. Das ist für ihn auch ein bisschen Familientradition, verrät er.

Sein Großvater Josef Gistl war damals 1919 mit dabei, als nach dem Ersten Weltkrieg das „Friedenskreuz“ auf den Gipfel getragen wurde. Wie sein Opa waren die Männer damals fast alle Soldaten, die gerade aus der Gefangenschaft zurückgekehrt waren. „Damals stellten sie das Kreuz aus Dankbarkeit auf, dass sie überlebt hatten“, sagt Rauchenberger.

Deshalb kann er die Debatte darüber, ob Gipfelkreuze noch zeitgemäß sind, weil sie nicht mehr alle Wanderer ansprechen, nicht verstehen. Die Toleranz sollte da sein in einem Land, in dem das Gipfelkreuz eine so alte Tradition hat, findet er. In Benediktbeuern geht es bei der Aktion auch nicht nur um das Kreuz, sondern um den Gemeinschaftssinn. Das würde sich Georg Rauchenberger für nichts auf der Welt entgehen lassen.

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