München/Filetto – Mit starken Worten hat sich Kardinal Reinhard Marx bei den Nachkommen der 17 Männer entschuldigt, die im Juni 1944 von der Wehrmacht auf Befehl des späteren Weihbischofs Matthias Defregger (1915-1995) in dem AbruzzenDorf Filetto erschossen worden waren. Der Kardinal empfing am Sonntagabend eine Delegation von 17 Filettesi im Erzbischöflichen Palais. Darunter waren der 78-jährige Gradito Alloggia, der zwei Monate nach dem Massaker auf die Welt gekommen war, und die Großnichte eines der Erschossenen, die 16-jährige Valentina Marcocci, sowie Vertreter der Gemeinde Pöcking (Landkreis Starnberg), wo Defregger ab 1969 bis zu seinem Tod gelebt hatte und die vor einem Jahr den Kontakt nach Filetto gesucht hatten. Der Weihbischof war in Pöcking sehr geschätzt; nach seinem Tod war ein Weg nach ihm benannt worden. Seit Ende Mai heißt dieser Weg Filetto-Weg.
Marx sagte, er bedauere die Ereignisse außerordentlich. „Was im Krieg war, ist das eine. Aber das andere ist, danach dazu zu stehen – und das ist unzulänglich passiert.“ Defregger habe zeitlebens nicht den Mut gefunden, sich zu den Ereignissen in Filetto zu bekennen. „Das ist moralisch verwerflich“, stellte der Kardinal fest. Auch seitens des Bistum habe man keinen angemessenen Umgang mit dem Fall Defregger gefunden. „Man wollte ein bisschen Ruhe haben – so geht das nicht.“ Dafür bitte er um Verzeihung.
In diesem Zusammenhang äußerte er Kritik an seinem Vorgänger Kardinal Julius Döpfner. „Auch Kardinal Döpfner hat nicht gesagt: ,So, jetzt gehen wir die Sache positiv an und schauen in die Zukunft, ohne die Wahrheit zu verdrängen.‘“ Man müsse anschauen, was passiert sei und was man daraus lernen könne. „Wir wollen die Wahrheit nicht beiseite schieben.“ Später ergänzte er im Gespräch: „Nur die Wahrheit macht uns frei, das wissen wir aus dem Evangelium.“
Die 17 Frauen und Männer aus Filetto antworteten mit Applaus auf Marx’ Worte. Gradito Alloggia berichtete, dass er schon als Kind seinen Hass auf die Deutschen überwunden habe. Nicht alle Bewohner von Filetto dächten wie er, sagte der 78-Jährige. „Einige von uns denken, die Deutschen sind schlechte Menschen, die ohne Grund andere erschießen.“ Umso wichtiger sei es ihm, ein Zeichen gegen den Hass und für den Frieden zu setzen. Valentina Marcocci (16) sagte, ihrer Ansicht nach war die Vergeltungsaktion der Wehrmacht in ihrem Dorf „eine völlig überflüssige Sache, die nur Hass erzeugt hat“. Sie hoffe, dass sich so etwas nie mehr wiederhole und wolle ihren Teil dazu beitragen, „dass wir in einer gerechteren Gesellschaft leben“.
Die Filettesi waren seit Freitag in Pöcking zu Gast. Das Gespräch mit Marx empfanden sie als positiv. „Ich bin sehr zufrieden, mehr hätte er nicht sagen können“, stellte Alloggia fest. Zum 80. Jahrestag des Verbrechens nächstes Jahr wollen die Pöckinger wieder nach Filetto reisen.