Rinding – Mit einem filzummantelten Holzschlägel pocht Josef Honauer gegen eine der Klangröhren aus Messing, die aufgereiht wie Orgelpfeifen an der Wand hängen. Ein voller, klarer Ton schwingt durch den Meditationsraum, zwischen den fast bodentiefen Fenstern von den makellosen Bodendielen hinauf zu den schweren Dachbalken. Nicht nur in seiner Dimension erinnert der Raum an eine stattliche Dorfkapelle. Besucher senken beim Betreten die Stimme, während ihnen die Augen übergehen. Der Raum hat etwas Sakrales an sich.
Als sich das kraftvolle Tönen der Klangröhre in der Unendlichkeit des Universums aufgelöst hat, sagt Josef Honauer: „Die Energie bleibt hier, weil hier nichts anderes passiert.“ Er meint den Raum, das Haus, das er in dem kleinen Dorf Rinding nahe Ebersberg geschaffen hat. Und das Gefühl, das es bei seinen Besuchern auslöst. Für die Honauers, den Sepp und seine Frau Angela, ist es einfach nur ihr Yoga-Haus. Ein Platz, eigens für diese aus Indien stammende philosophische Lehre, die Übungen für Geist und Körper verbindet – der Begriff kann sinngemäß „Vereinigung“ bedeuten.
Auf der anderen Straßenseite verkauft Familie Honauer seit 1965 Fliesen. Keramik und Naturstein, Mosaik und XXL. Die wenigsten Kunden kennen das zweite Ich des Fliesenlege-Meisters Josef Honauer: den Yoga-Sepp, wie er sich auf seiner Homepage selber nennt. Wobei, das mit dem zweiten Ich, das ist eine grundfalsche Formulierung, wenn man ihn fragt. „Wo ich bin, da bin ich“, sagt Honauer. „Im Prinzip ist alles eins.“
Der Familienvater und Großvater mit dem angedeuteten Buddha-Bäuchlein und einem brettlbreiten Oberbairisch ist Fliesenspezialist in zweiter Generation, Vizepräsident der Ebersberger Faschingsgesellschaft, war bei den Burschen, den Trachtlern und der Feuerwehr. Was ihn von seinen Spezln unterscheidet: Beim Weißwurstessen gibt er sich mit Bier und Breze zufrieden. Aus Respekt vor dem Lebensfunken der Tiere hat er das Fleischessen aufgehört. Und jeden Tag direkt nach dem Aufstehen macht Sepp Honauer eine Stunde Yoga, meditiert, um den Tag zu begrüßen, den er vor dem Einschlafen genauso wieder verabschiedet. Die Gedanken, positive wie negative, loslassen, aber nicht vergessen. „Was du vergisst, hast du nicht erlebt“, sagt der 56-Jährige. „Was du loslässt, hast du angenommen.“
Wenn er so einen Spruch bringt oder von der Kommunikation mit der geistigen Welt erzählt, dann finden sich Leute, die ihn für einen spinnerten Esoteriker halten, das weiß Honauer selber. Unleugbar ist aber die Gelassenheit und Ruhe, die der Yoga-Sepp verströmt. „Wenn du vorbeischaust, wird es auf der Baustelle stader“, hat mal jemand zu ihm gesagt. Honauer schmunzelt wie der Buddha, als er das erzählt, während er in seinem Yoga-Haus auf dem Boden sitzt. Sonnenlicht flutet herein. Es riecht nach Naturmaterialien, nach Holz und Steinzeug. Sogar die Tür- und Fensterdichtungen sind aus Leder statt Plastik oder Gummi.
Hinter Honauer und dem Tennentor-großen Ostfenster dröhnt ein Lastwagen auf der nahen Straße vorbei, dicke Mauern und Dreifachverglasung sperren den Lärm nicht ganz aus. Den Yoga-Sepp stört das ungefähr so sehr wie das Gerede hinter seinem Rücken. „Es ist ein Kommen und Gehen“, sagt er, als es wieder ganz leise ist im Raum. „Irgendwann erkennst du die Stille in dir.“
Angefangen hat das mit dem Sepp und dem Yoga Ende der 1990er-Jahre. Damals habe ihn ein Freund gefragt, ob er bei seinem Meditationskurs mitmachen wolle. „Da habe ich mich gleich wohlgefühlt“, erinnert er sich. Irgendwann bekam er ein Yoga-Buch geschenkt. Kapitel 1: der Kopfstand. „Dann dachte ich mir: Gut, lerne ich halt den Kopfstand“, sagt er heute. Das Buch hat er längst durch, und viele andere. In Österreich hat er die Ausbildung zum Yoga-Lehrer gemacht, im Sivananda-Stil.
Und was in einem Yoga-Pavillon im Garten angefangen hat, erreicht seit 2019 im Yoga-Haus von Rinding architektonische Vollendung. Mit dem Gebäude im unverkennbaren Stil des Ameranger Architekten Rudolf Rechl hat sich Josef Honauer einen Lebenstraum erfüllt. Im ebenerdig betretbaren Keller tüftelt seine Frau Angela an einem kleinen Veranstaltungsraum mit Ladenverkauf – die Familie stellt selber Honig und Apfelsaft her. Im Erdgeschoss, dem Herzstück des Gebäudes, finden Yoga- und Meditationskurse statt, die teils Honauer selbst, teils Yoga-Lehrerinnen aus der Umgebung leiten. Die Kurse ziehen ein buntes Publikum an – von der Bäuerin aus dem Nachbardorf bis zum Münchner IT-Spezialisten.
Im angebauten Turm findet sich ein Gemeinschaftsraum mit rustikaler Kuchl. Im Dachzimmer ein privater Leseraum. „Orte der Liebe in Bayern“, steht dort im Regal. „Das geheime Leben der Bäume“. Im Haus wohnen Abbilder des Buddha, des hinduistischen Gottes Ganesha, der Gottesmutter Maria. Honauer ist nicht dogmatisch. „Es sollte in die Natur passen und kein Fremdkörper sein“, sagt der Yoga-Sepp aus Rinding über sein Yoga-Haus. „So ausschauen, als ob es immer schon da war.“ Alles ist eins.
Kleine Yoga-Übung
Atmen Sie tief, ruhig und bewusst über die Nase ein. Spüren Sie, wie die Luft den Hals hinunter streicht. Spüren Sie den Atemwendepunkt. Atmen Sie tief über die Nase aus. Beim Einatmen nimmt man an, beim Ausatmen lässt mal los. Strecken Sie die Hände senkrecht nach oben, bis die Oberarme, einer nach dem anderen, die Ohren berühren. Lassen Sie sich Zeit. Verschränken Sie die Daumen. Legen Sie Finger und Handflächen aneinander. Verschränken Sie die Finger und drehen Sie die Handgelenke nach außen. Finger strecken. Führen Sie die nach oben geöffneten Handflächen zurück vor den Bauch, in den Schoß.