Verdrängte Morde

von Redaktion

Bezirk Oberbayern will allen „Euthanasie“-Opfern Gesicht und Namen geben

VON DIRK WALTER

München – Zum Beispiel Josefa Rott: Die Münchnerin, von ihrem Vater schwer misshandelt, war seit 1926 in psychiatrischer Behandlung. Im August 1935 führte ein Arzt in der Anstalt Haar-Eglfing eine Sterilisationsoperation an dem ledigen Dienstmädchen durch – offenbar ohne sich um spätere mögliche Komplikationen zu kümmern. Einen Monat später war sie tot: eine Lungenembolie.

Josefa Rott ist ein sogenanntes Euthanasie-Opfer aus Haar. Eines von tausenden. Der Bezirk Oberbayern will den Opfern nun systematisch Namen und Gesicht geben, wie Bezirkstagspräsident Josef Mederer am Freitag ankündigte. Daher ist ein Gedenkbuch für alle ermordeten Personen geplant, es soll 2026/27 erscheinen. Der Bezirk sei Rechtsnachfolger der Anstalten Haar-Eglfing (4000 Tote) und Gabersee (1300 Tote), sagte Mederer. „Wir stellen uns dieser Verantwortung.“

Im Vorgriff auf dieses Projekt ist jetzt ein umfangreicher Überblicksband über die „Euthanasie“ erschienen. Schon der Titel „Verdrängt“ deutet darauf hin, dass die Erinnerung an die NS-„Euthanasie“ relativ spät einsetzte. Der gut gegliederte und mit 24,90 Euro relativ preiswerte Band beleuchtet die Geschichte der Morde aus vielen Blickwinkeln: Er erläutert acht Einzelschicksale wie das von Josefa Rott und stellt die Gesamtgeschichte wie auch die oft verschwiegene Erinnerung an diese NS-Mordserie dar. Er führt zu den Mordstätten in Bayern und Baden-Württemberg, aber auch in den Niederlanden und in Weißrussland, berichtet über „Euthanasie“ als Thema im Schulunterricht sowie in Kunst, Film und sogar in der Musik. Und er nennt auch Täter – Pfleger, Ärzte, Wissenschaftler. Zudem gibt es ein Kapitel über grundlegende ethische Fragen, denn eine Beschäftigung mit der NS-„Euthanasie“ kann auch heute aktuelle Fragen berühren, etwa Triage-Überlegungen während der Pandemie, pränatale Diagnostik oder die Pflegekosten behinderter Menschen.

Geschätzt 25 000 Menschen aus Bayern starben in den psychiatrischen Anstalten – oft durch Gas und Gift. Wohl 200 000 Opfer waren es in Deutschland insgesamt, weitere 100 000 in den eroberten Gebieten. In der Sowjetunion etwa „wurden ganze Psychiatrien einfach leer geschossen“, sagte der Historiker Jörg Skribeleit. Dazu kommen wohl 400 000 Opfer von Zwangssterilisation, die zum Teil überlebten. Die Opfer hatten zum Teil geistige oder körperliche Beeinträchtigungen, zum Teil waren sie nur einfach sozial auffällig, wie etwa der Augsburger Ernst Lossa aus dem Volk der Jenischen, der mit 14 mit einer Giftspritze ermordet wurde und dessen Leben in einem Film („Nebel im August“) dargestellt wurde.

Skribeleit, der die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg/Oberpfalz leitet, lobte die Bemühungen des Bezirks Oberbayern als beispielhaft. Hier seien besonders früh die Akten aus der NS-Zeit gesichert worden. In anderen Bezirken sind sie teilweise gar nicht mehr vorhanden.

Heikel ist insbesondere der Umgang mit den Akten. Erst seit 2016 gibt es eine Handlungsempfehlung, die vollen Namen der Opfer zu nennen. Dazu hat sich auch das Bundesarchiv entschieden. Die komplette Patientenakte gibt es hingegen nur bei berechtigtem Interesse. Nachfahren begrüßen das, sagte Josef Mederer, der auch über vermehrte Anfragen berichtete. „Angehörige wollen, dass ihr Onkel und die Tante ein Gesicht bekommen.“

„Verdrängt“

Die Erinnerung an die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, hrsg. vom Bezirk Oberbayern, Wallstein Verlag, 256 S., 24,90 Euro

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