München – Endlich Ferien! Jetzt wollen viele Eltern und Kinder von Schule erst mal nichts mehr wissen. Warum das falsch ist und was im nächsten Schuljahr zu erwarten ist, erklärt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann (53) aus Zorneding, im Interview.
Beim Grundschultest Iglu haben Schüler teils miserabel abgeschnitten. Wächst da eine verlorene Generation heran?
Ja. Wir müssen da ehrlich sein. Ein Viertel der Viertklässler erreicht nicht mal die Mindeststandards. Ich vermisse den Aufschrei darüber – und die Diskussion. Denn das Ergebnis ist besorgniserregend. Wir haben jetzt schon 50 000 Schüler ohne Abschluss im Jahr. Das werden definitiv mehr werden. Wer die Kompetenzen jetzt nicht erreicht, wird sich in den weiterführenden Schulen äußerst schwertun.
Mehr Deutsch, dafür kein Englisch, kein Informatik mehr – was raten Sie?
Informatik gibt es an Grundschulen ja kaum. Ich rate denjenigen, die nicht für die Grundschule zuständig sind, sich zurückzunehmen. Wir Grundschullehrer wissen genau, was möglich ist und was nicht. Die Streichvorschläge schießen ins Kraut, manche wollen sogar bei Religion ansetzen. Religionsunterricht streichen in Bayern!
Religion also nicht. Aber was dann?
Wir müssen uns auf das Unterrichten von Kernkompetenzen konzentrieren. Lesen, Schreiben, Rechnen. Es ist schön, wenn es eine AG Theater gibt, einen Schachkurs, einen Chor – weil das die Kinder motiviert! Aber erst mal müssen wir schauen, dass die Mindeststandards erfüllt werden. Angesichts des Lehrermangels werden wir auf gewisse Angebote verzichten müssen. Das können die Schulen vor Ort entscheiden. Wir brauchen keinen Befehl aus dem Kultusministerium.
Ist es noch zeitgemäß, die Notengrenzen beim Übertritt beizubehalten?
Die Notengrenzen als Erstes anzugehen, macht in Bayern strategisch wohl erst mal keinen Sinn. Ich habe einen anderen Ansatz: Es stellt sich die Frage, ob das dreigliedrige Schulsystem in Bayern auf Dauer noch zu halten ist. Die Zahl der Studierenden für die Mittelschule geht drastisch zurück, es gibt viele Studienabbrecher. Der BLLV plädiert nicht für die Gemeinschaftsschule. Wir wollen eine längere gemeinsame Schulzeit und eine regionale Schulentwicklung. Aber auch Bayern wird sich dieser Diskussion stellen müssen – behutsam, ohne Schärfe.
Wie viel Schule ist in den Ferien richtig?
Da muss man je nach Altersgruppe vorgehen. Erst- und Zweitklässler zum Beispiel brauchen in aller Regel sicher in diesen sechs Wochen ab und an etwas zum Dranbleiben. Vorlesen lassen, Rechenspiele machen – das geht sogar bei der Reise in den Urlaub, es gibt Apps dazu. Wenn die Kinder den Ball ganz verlieren, ist er wieder schwer ins Feld zu bringen.
Also dran bleiben.
Ich rate allen Eltern: Schaut auf euer Kind. Wichtig ist vor allem die Woche, bevor die Schule wieder startet. Man sollte den Tagesrhythmus wieder trainieren. Etwas früher ins Bett gehen, die Schulsachen rechtzeitig packen, sich auf die Schule einstellen. Vor allem bei den Grundschülern.
Und bei den Älteren?
Eltern könnten mit ihrem Sohn, ihrer Tochter, und mit dem Zeugnis vor Augen einen klaren Plan entwickeln. Das bedeutet, die Noten durchzugehen und mit dem Kind zu besprechen, wo es sich verbessern kann. Es gibt Jugendliche, die sagen von sich aus: Wenn ich jetzt den Anschluss verpasse in der 7. Klasse, ist es vorbei. Auch Lerncamps sind eine Möglichkeit. Ich bin gegen eine reine Laissez-faire-Haltung. Feedback und Begleitung durch die Eltern sind wichtig.
Lehrermangel ist an Grundschulen schon lange ein Thema. Wie schlimm wird es im nächsten Jahr?
Drei Wochen nach Schulstart ist die Landtagswahl – ich gehe mal davon aus, dass das Desaster in den ersten Wochen noch nicht sichtbar wird oder werden soll. Mittlerweile wird ja von der Staatsregierung offen zugegeben, dass Lehrermangel herrscht. Es wird zwar immer vom Kultusminister betont, dass wir so viele Lehrer haben wie noch nie. Ja, stimmt – aber wir haben auch so viele Schüler wie noch nie.
Wird die Misere vertuscht?
Bis Mitte Oktober geht es ja in aller Regel immer gut. Dann kommen die Meldungen über längerfristige Krankheitsfälle oder Schwangerschaften und die mobilen Reserven sind schnell nicht mehr vorhanden. Nach Weihnachten wird das Kultusministerium wohl wieder über dienstrechtliche Maßnahmen reden. Es gibt ja viele mögliche Maßnahmen: weniger Teilzeit, mehr Pensionisten, mehr Studierende, noch mehr Externe, die Höchstgrenzen in den Klassen hochsetzen, mehr Lehrerarbeitszeit, Unterricht kürzen und Angebote streichen… Wir sagen vorsorglich schon: Nein.
Einfach Nein?
Was bleibt uns als Verband, der die Interessen der Lehrer vertritt, übrig? Wenn die Kernmannschaft, das sind die richtig studierten Lehrer, noch mehr krank wird, geht irgendwann gar nichts mehr. Wir haben schon vor Jahren vor dem Lehrermangel gewarnt und fanden zu wenig Gehör. Die Kultusministerkonferenz hat kürzlich betont, sie sei im Team Machbarkeit, nicht im Team Qualität. Das sagt alles. Wo bleibt die Bildungsqualität, wenn’s nur mehr machbar sein soll?
Der Ministerpräsident hat eine Kommission zur Reform der Lehrerausbildung eingesetzt. Sie sind Mitglied. Was erwartet uns?
Über die Beratungen ist Stillschweigen vereinbart. In der Arbeitsphase macht das Sinn.
Kommt der Einheitslehrer?
Eben nicht. Mit dem Einheitslehrer kommt die Einheitsschule – das ist das, was man dem BLLV gerne unterstellt. Ich will das nicht. Wir wollen das nicht. Unser Reformmodell zur flexiblen Lehrerbildung liegt auf dem Tisch.
Was heißt das?
Studenten sollen sich erst nach einer Eingangsphase für eine Schulart entscheiden. Dieses Grundstudium für alle ist uns sehr wichtig. Erst danach ist eine Spezialisierung auf einzelne Schularten und dann der Master vorgesehen.
Ein Master und zusätzlich die beiden üblichen Staatsprüfungen?
Wir werden sehen, wie weit wir mit unseren Vorschlägen kommen. Es gibt Leute, die wollen weder die Notengebung ändern, noch das Schulsystem, noch die Lehrerbildung. Ich erwarte Fortschritte bei der Flexibilisierung, stur Nein sagen ist zu wenig.
Bleiben Sie bei Ihrer Forderung nach einer längeren gemeinsamen Schulzeit?
Das schon. Aber auch das würde nicht zur Einheitsschule führen. Aber diese Diskussion steht aktuell ohnehin nicht im Vordergrund.
Anderes Thema: das Gymnasium. Die G9-Schüler rücken jetzt in die 11. Klasse vor. Ist das neue G9 aus Ihrer Sicht richtig konzipiert?
Nein. Es ist ein Jahr mehr, das ist richtig und wird vom BLLV auch unterstützt. Aber man hat den großen Wurf nicht gewagt. Die Gestaltung der neu hinzugekommenen 11. Klasse ist unbefriedigend. Es geht wieder nur um: Wann hast du in welchem Fach Schulaufgabe und wann bist du beim Ausfragen dran? Eine grundlegende Reform der Lern- und Leistungskultur wäre gefragt gewesen.
Man weiß eigentlich gar nicht, was man mit dem zusätzlichen Jahr macht?
Ja. Wir haben die Struktur verändert und nicht gesagt, was wir damit erreichen wollen. Mehr Vertiefung, mehr Reflexion, mehr Analyse – das würde ich mir für das Gymnasium wünschen.
Ihr Kollege vom Realschulverband ist Schulstaatssekretär in Sachsen-Anhalt. Reizt Sie die Politik nicht?
Nein. Ich fürchte, ich wäre dann in Strukturen so gefangen, dass wenig Gestaltungsfreiheit bleiben würde. Ich bin lieber Innovationstreiberin mit gedanklicher Freiheit.
Interview: Dirk Walter