Die Retter der alten Häuser

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

Urspring – Klaus Röder hat eine Superkraft: Er kann Türen zur Vergangenheit öffnen und dabei in die Zukunft blicken. Dieses Talent nutzt er immer dann, wenn er in einem jahrhundertealten Haus steht. Er sieht nicht die kaputten Böden, den bröckelnden Putz oder die maroden Deckenbalken – Klaus Röder sieht, was entstehen könnte.

So war es auch, als er im Frühjahr 2017 das erste Mal in der Küche des alten Mesner-Hauses im Steingadener Ortsteil Urspring stand. Er sah die alte Kochstelle und platzierte in seiner Fantasie eine moderne Wohnküche drum rum. Sechs Jahre später sitzt Röder mit seiner Lebensgefährtin Tatjana Suiter an einem Holztisch in genau dieser Wohnküche, beide trinken Kaffee und blicken durch die Fenster über die grünen Wiesen des Pfaffenwinkels. Die alte Kochstelle ist noch da und könnte genutzt werden. Es gibt jedoch auch eine moderne Küchenzeile – offene Regale, moderne Elektrogeräte, schwarzes Design mit Holzelementen, die perfekt zu den mehr als 400 Jahre alten Holzbalken in der Decke passen. Auch der Steinfußboden ist noch original – viele Arbeitsstunden waren nötig, bis die grauen Fliesen wieder wie neu aussahen.

Die Mesner-Familien, die einst in dem Gebäude direkt neben der Dorfkirche gelebt haben, würden ihr Wohnhaus kaum wiedererkennen – obwohl es Röder und Suiter gelungen ist, viel von dem Charme der Vergangenheit in die Gegenwart zu retten. Neben der alten Kochstelle lehnt ein Balance-Board, denn heute wohnt in dem Haus eine junge WG.

Klaus Röder und Tatjana Suiter sind oft zu Besuch, wenn sie in der Gegend sind. Sie haben ein Schlafzimmer in jedem der Häuser, die sie mit viel Geld und viel Arbeit renovieren. Dort sind die Wände rund um den alten Kachelofen holzverkleidet. 1807 lebten die fünf Kinder des Vorbesitzers in dem 18 Quadratmeter großen Raum. Heute steht ein gemütliches Doppelbett in der Mitte, in der Ecke eine moderne Leselampe. Die alte Holzdecke war mit Putzträgern aus Latten zugenagelt, als das Paar das Haus kaufte. Die Decke war durch Wassereinbrüche marode geworden. Röder und seine Helfer rissen sie heraus – und legten die schöne Holzdecke frei.

„Es kommt häufig vor, dass man beim Renovieren auf Schätze der Vergangenheit stößt“, sagt er. Auf dem Dachboden in der mehr als 200 Quadratmeter großen Tenne fand er das alte Zifferblatt der Kirchturmuhr. Auch dieses Schmuckstück hat er erhalten – es dient heute als Schiebetür zu einem kleinen Bad im Dachgeschoss.

Klaus Röder ist eigentlich Fotograf und Dokumentarfilmer. Aber auch leidenschaftlicher Handwerker. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin hat er seine Liebe für Häuser mit Geschichte entdeckt. Die beiden haben die Mittel, um die alten Gebäude zu kaufen und Geld zu investieren. In Urspring war es knapp eine Million. „Wir wollen die Häuser danach nicht teuer vermieten“, sagt Tatjana Suiter. „Wir wollen, dass Leben reinkommt.“ In Urspring hätte das nicht besser klappen können. Zwei junge Männer aus Steingaden, die bei der Renovierung halfen, fragten, ob sie in dem Haus wohnen dürfen. „Darauf hatten wir gehofft“, sagt Suiter und lächelt. Auch eine Mehrgenerationen-WG könnten sie sich vorstellen. Genug Platz wäre. Das Wohnhaus hat 190 Quadratmeter, das angrenzende Gebäude, das früher ein Stall war, ist noch größer.

Röder und Suiter hatten per Zufall erfahren, dass das Mesner-Haus zu verkaufen ist. Es stand bereits zwei Jahre leer. Die Räume waren in schlechtem Zustand, es gab im ganzen Haus kein Bad, nur eine Toilette. Schnell war klar, dass das Haus ein neues Dach braucht. In der Tenne sind drei Etagen entstanden – mit Kinoleinwand, Tischtennisplatte, Yoga-Matten und Werkstatt. Auch Theateraufführungen der Steingadener haben hier bereits stattgefunden. Eine schönere Gegenwart könnten sich Röder und Suiter für das Haus kaum vorstellen. Es soll lebendig sein – und weiterhin eine Rolle in der Gemeinde spielen. Anfangs sind die Einheimischen manchmal skeptisch, wenn sie hören, dass ein altes Gebäude von einem Ehepaar gekauft wurde. „Weil sie Angst haben, dass es abgerissen wird“, sagt Röder. Diese Sorge konnte er ihnen schnell nehmen. Für jede Renovierung engagiert er Handwerker aus der Region, die ihm helfen. Außerdem hat er einen Zimmerer an seiner Seite, der für jedes Problem eine Lösung findet. „Man muss sich immer auf die Gegebenheiten einlassen“, sagt der 62-jährige gebürtige Münchner. Ihm geht es darum, wiederherzustellen, was andere Baumeister einst geschaffen haben. Zum Renovierungsprozess gehört auch, dass er viel in den Gebäuden sitzt, den Blick schweifen lässt, nachdenkt. „Da wird man demütig, wenn man sieht, was sie damals geschaffen haben und was so viele Jahrhunderte überlebt hat.“

Die Vergangenheit bleibt – auch wenn er die Gebäude für die Zukunft ausrüstet. Im Mesner-Haus gibt es viele Puzzleteile, die aus der langen Geschichte und von den vielen Bewohnern erzählen. Eine kleine Fliese mit der Jahreszahl 1792, die in die Tenne eingemauert ist. Ein uraltes Bügeleisen, das auftauchte. Eine vergilbte Fotografie einer Frau – keiner weiß, wer sie ist. Das Bild steht nun in der Werkstatt. Nebenan sind die Annehmlichkeiten der Gegenwart eingezogen. Eine Dampfsauna, dort wo früher das Heulager war. Daneben eine freistehende moderne Badewanne.

Das Mesner-Haus ist nicht das letzte Projekt von Röder und Suiter. Aktuell renovieren sie ein 1000 Jahre altes Haus in Südtirol, in dem einst Mönche gelebt haben. Danach wollen sie aufhören – und genießen, was sie in den vergangenen zehn Jahren geschaffen haben. „Auch wenn wir nicht immer in unseren Häusern leben, ist es wie heimkommen für uns“, sagt Tatjana Suiter. Die beiden lieben es, unter dem neuen Dach der alten Tenne zu liegen und durch die Panorama-Fenster in den Steingadener Sternenhimmel zu blicken. Das sind die Momente, in denen die mühsame Arbeit vergessen ist. In denen sie stolz sind, dass es ihnen gelungen ist, ein Stück Vergangenheit für die Zukunft zu bewahren.

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