Erding – Ihre 81 Jahre merkt man Herdana von und zu Fraunberg nicht an: „Das kommt von meiner Mutter, die ist über 100 Jahre alt geworden“, sagt die Schlossherrin und lacht. Hier am Rande des Erdinger Moos ist sie der gute Geist von Schloss Fraunberg. Agil, gebildet, akribisch und pflichtbewusst – genau das bedeutet „von Adel sein“ für sie. Auch, wenn der schon lange abgeschafft sei. Von Fraunberg hat nur ein Ziel: „Das Wichtigste für mich ist es, dieses Haus zu erhalten.“
Nicht immer leicht. Fraunberg weiß, wovon sie spricht. Ihr ganzes Leben hat sie hier verbracht. Die 81-Jährige kennt alle bautechnischen Details: „Da der Untergrund, auf dem das Schloss steht, erst in sechs Metern Tiefe stabil ist, wurde die Schwergewichtsmauer mit einer Erdvernagelung, also einem horizontalen Fundament, im Hof verankert.“
Die Schlossherrin ist nicht nur fit in Architektur, sie ist auch Historikerin aus Leidenschaft. Sie hat ihre Heimatgeschichte erforscht und weiß viel über ihre Vorfahren zu berichten. Zum Beispiel über Graf Ladislaus zu Haag, der 1558 in der Grafschaft die Religionsfreiheit einführte. Weil ein Großteil der Bevölkerung danach evangelisch wurde, brachte das den Fraunbergs damals gehörig Zoff mit den Herzögen von Bayern ein. Nach Ladislaus’ Tod 1566 machten sie deshalb die Reformation hier flugs wieder rückgängig.
Auch über Joseph Maria Johann Nepomuk Freiherr von Fraunberg (1760-1842) und Bischof von Augsburg und Erzbischof von Bamberg, kann sie viel berichten. Er dachte ebenfalls fortschrittlich, leitete umfassende Neustrukturierungen in der Diözese ein und war der Beichtvater von König Ludwig I.
Auf Führungen für Schulklassen sorgt Herdana von Fraunberg dafür, dass die Geschichte(n) rund um das Schloss und den Ort für die Fraunberger von heute erlebbar ist. „Was glaubt ihr hat es damals in einem Schloss nicht gegeben?“, fragt sie – und lacht, wenn die Kinder „Lichtschalter“ und „Telefon“ antworten. Immerhin hat sie selbst noch erlebt, wie hier beides keine Selbstverständlichkeit war: „Erst in den 1960er-Jahren wurden Wasserleitungen gelegt. Vorher haben wir das Wasser von der Pumpe im Keller mit Eimern hochgeschleppt. Heute unvorstellbar – da lernt man Wassersparen.“
Der erste Strom kam im Zweiten Weltkrieg. Ihn musste von Fraunbergs Großvater für die einquartierten Fremdarbeiter und deren Bewacher verlegen. „Er hat aber nur das Nötigste gemacht, denn der wurde damals nach Steckdosen bezahlt.“
Von Fraunberg selbst ist Jahrgang 1942 und hier mit Flüchtlingskindern groß geworden: „Das Haus war voll bis unters Dach und als die letzten weg waren, war es ziemlich ruiniert.“ Seitdem haben die von Fraunbergs das Schloss renoviert – quasi in Endlosschleife, immer wieder mit eigenem Geld und weiteren Fördermitteln. „Jeder Hausbesitzer weiß, dass er ständig reparieren muss“, sagt sie. „Aber bei uns sind die Dimensionen andere. Wir können kein neues Teil im Baumarkt kaufen. Es passt nicht. Das ist jedes Mal Handwerksarbeit.“ Es braucht Maßanfertigungen, ob bei Stuckdecken, Maserierungen oder wie zuletzt bei der Wiederherstellung der einst 100 Meter langen Ringmauer.
Woher bekommt man eigentlich tausende, historische Bauziegel? „Wir hatten Glück: Von Abbrüchen alter Häuser und vom Turm der Wartenberger Brauerei haben wir noch die handgeschlagenen Ziegel bekommen“, sagt von Fraunberg. Auch das Fachwissen von Tochter Dagmar (57), gelernte Restauratorin, ist ein Segen. Und überhaupt: „Ohne die tatkräftige Unterstützung unserer Ehepartner könnten wir den Erhalt des Familienbesitzes nicht leisten.“
Aber der Schloss-Erhalt ist Ehrensache. „Unsere Vorfahren waren alle sehr sorgfältige Verwalter“, sagt Fraunberg. Das Familienarchiv kann mit alten Plänen, Rechnungen, akribischen Belegen für Baumaterialien aus vergangenen Jahrhunderten aufwarten. „Da wurde auch alles aus den Gemarkungen aufgeschrieben, wer eingeheiratet hat, was verkauft wurde. Dadurch haben wir jetzt eine Dorfchronik von zwei umfangreichen Büchern.“ Wertvoll für die nächste Generation Schlossherrn – von Fraunbergs drei Urkenkelchen sind die 27ste. OLIVER MENNER