München – Rechnen gehört zu Brigitte Illings Leben – das war schon immer so. Doch seit sie Rentnerin ist, träumt sie manchmal sogar von Rechnungen. Die 71-Jährige hat mit Unterbrechungen ihr Leben lang in Gasto-Betrieben und Hotels gearbeitet. Sie war Zimmermädchen und Bedienung. Eine Ausbildung hat sie nicht. Viel Geld zum Sparen blieb nie. Heute lebt die Münchnerin von 629 Euro Rente. Sie musste Grundsicherung beantragen. Doch obwohl die Miete für ihre 40-Quadratmeter-Wohnung in Moosach und die Heizkosten vom Sozialamt übernommen werden, bleiben ihr im Monat nur rund 400 Euro zum Leben. Einkaufen geht sie immer dann, wenn die Prospekte mit den Sonderangeboten raus sind. Wenn sie irgendwo eine Pfandflasche sieht, nimmt sie sie mit – die 25 Cent, die sie dafür bekommt, sind für sie wertvoll. Früher ist Brigitte Illing zur Tafel gegangen. Doch seit die Schlangen dort so lang sind, will sie sich nicht mehr anstellen. Das ist der 71-Jährigen körperlich zu viel. Sie ist geschieden, hat keine Angehörigen, dafür ein paar Freunde. Doch immer häufiger sagt sie ab, wenn es um ein Treffen zum Kaffeetrinken geht. Sie versucht, noch ein bisschen mehr zu sparen als ohnehin schon. „Bald kommt die Stromrechnung“, erzählt sie. Wenn sie nachts im Bett liegt, denkt sie oft darüber nach, ob ihr Geld diesen Monat reichen wird.
Brigitte Illing ist mit ihren Sorgen nicht allein. Gerade Frauen sind im Alter am häufigsten von Armut bedroht. Und die Armutsquote hat bei den Rentnern in Bayern erneut zugenommen, wie nun eine aktuelle Studie belegt. In Auftrag gegeben hatten sie der Kurt-Eisner-Verein und die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Grundlage dafür ist der jüngste Armutsbericht der Staatsregierung von 2022. Allerdings werde in diesem Bericht das bundesweit mittlere Einkommen zugrunde gelegt, dass aber häufig durch hohe Lebenshaltungskosten aufgefressen werde – vor allem durch hohe Mieten in den Ballungsräumen. Deshalb werden die Armutsberichte oft als Schönfärberei kritisiert.
Die wissenschaftliche Studie kam nun zu dem Ergebnis, dass mehr als zwei Millionen Menschen in Bayern arm sind, wenn das bayerische Durchschnittseinkommen zur Berechnung herangezogen wird. Nimmt man den regionalen Einkommensdurchschnitt als Berechnungsgrundlage, weist München den höchsten Armutsanteil auf, nämlich 17,6 Prozent. Laut der Studie bedeutet das, dass einer von sechs Münchnern armutsgefährdet ist. „Armut ist in Bayern räumlich stark ungleich verteilt“, bilanzieren die Wissenschaftler. „Während im Landkreis Pfaffenhofen nur jede 70. Person Sozialleistungen bezieht, ist es im Kreis Hof jede achte Person.
Die Autoren der Studie schlagen Maßnahmen vor, um das Armutsrisiko zu reduzieren. Dazu gehören eine Vermögenssteuer, die Anhebung der Regelsätze für das Bürgergeld und die Erhöhung des Mindestlohns. Außerdem müsse der Staat aktiver den sozialen Wohnbau vorantreiben. Doch die Politik hinke bei allen Gegenmaßnahmen hinterher, betont Karin Majewski, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Oberbayern. „Wir brauchen eine armutsfeste Grundsicherung und Renten, mit denen die Menschen nicht nach lebenslanger Arbeit in die Armut rutschen.“ Die von Armut betroffenen Gruppen – Frauen, Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund – seien lange bekannt, die Politik müsse aber endlich gegensteuern, fordert sie. „Gegen Armut hilft nur Geld.“
Brigitte Illing hat sich wegen ihrer Geldsorgen vor einigen Jahren an die Lichtblick-Seniorenhilfe gewandt. Dort bekommt sie hin und wieder Einkaufsgutscheine, manchmal auch ein bisschen Geld für neue Kleidung. Die Hilfe fühlt sich für sie an, wie eine Familie zu haben, sagt sie. Und sie lässt sie ein bisschen besser schlafen. Brigitte Illings Träume sind bescheiden. Ein Treffen mit ihren Freundinnen, ohne den ganzen Nachmittag an einem kleinen Cappuccino trinken zu müssen. Einkaufen zu gehen, ohne dabei zu rechnen. „So etwas wie Urlaub kommt für mich nicht mal in Träumen vor“, sagt sie.