München – Flugzeuge starten in München ohne Gepäck, Passagiere warten am Flughafen stundenlang auf ihre Koffer: Am Münchner Airport ruckelt es in den Sommerferien immer mal wieder. Woran liegt das? Marc Zangl (47) ist stellvertretender Vorsitzender des gemeinschaftlichen Betriebsrats von Aeroground und der Flughafen München Gesellschaft. Er hat selbst 25 Jahre auf dem Vorfeld gearbeitet – und er hat Antworten.
Neulich sind an einem Nachmittag zwei Lufthansa-Maschinen ohne Gepäck losgeflogen. Wie oft kommt das vor?
Ich würde sagen, dass zurzeit im Schnitt fünf bis zehn Flieger pro Woche ohne Gepäck abheben. Zur Einordnung: Am Dienstag sind insgesamt 877 Maschinen gestartet und gelandet.
Wer entscheidet, dass ein Flugzeug auch ohne Koffer abhebt?
Der Flughafen ist für die Gepäckabfertigung zuständig. Der Pilot entscheidet letztlich, wann er losfliegt. Aber er kriegt schon von seiner Airline gesagt, ob er losfliegen kann. Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Flugzeug nicht mehr abwartet, bis das Gepäck eingeladen ist.
Welche denn?
Zum Beispiel dürfen Piloten und die Besatzung gewisse Flugzeiten nicht überschreiten. Wenn sie zu lange warten müssen, wäre das aber manchmal der Fall, sie müssen ja schließlich noch fliegen. Oder es gibt priorisierte Flüge, die Anschlussflüge an der Zieldestination erwischen müssen. Da nimmt man dann in Kauf, dass das Gepäck verspätet ankommt.
Bei halbwegs normalem Flugbetrieb müsste es doch möglich sein, alle Flugzeuge zu beladen…
Na ja. Die Personaldisponenten sehen genau, wie viel Personal sie zur Verfügung haben. Wenn es knapp ist, bekommt ein sogenannter Großraumer, also ein großes Flugzeug, das zum Beispiel nach Chicago fliegt, immer Vorrang vor einer Urlaubermaschine nach Ibiza. Der Personalmangel dürfte der Hauptgrund sein, dass das zurzeit öfter vorkommt.
Ist der Personalmangel gerade besonders schlimm?
Das ist nicht jetzt gerade besonders schlimm, sondern schon eine ganze Weile. Wir haben nach dem letzten Sommer unglaubliche Anstrengungen unternommen, um Mitarbeiter für das Vorfeld zu rekrutieren. Das sind die Kollegen, die das Gepäck verladen. Wir haben im Moment 250 bis 300 Mitarbeiter zu wenig in diesem Bereich.
Das klingt dramatisch.
Ja, das ist es auch. Ich hatte gerade einen Termin mit einem Personaldisponenten. Wir haben auf die nächsten Wochen geblickt. Jetzt ist die IAA in München, dann kommen die Urlauber aus den Sommerferien zurück. Dann starten die Urlauber, die keine schulpflichtigen Kinder haben. Und dann geht das Oktoberfest los. Der Kollege hat gesagt: Ihm wird angst und bang.
Warum bekommen Sie keine Leute für die Jobs?
Das ist eine unglaublich schwere Arbeit. Die arbeiten in Zehn-Stunden-Schichten, davon stehen sie neun auf dem Rollfeld – gerade bei der Hitze ist das der Wahnsinn.
Was verdient man denn?
Das wird nach TVÖD bezahlt, knapp über 2300 Euro brutto. Wir zahlen zudem 200 Euro Belastungszulage, aber das ist nichts für die Ewigkeit. Wir rekrutieren viele Arbeitskräfte im osteuropäischen Ausland. Die kommen dann hierher, stellen aber nach wenigen Wochen fest, dass sie bei den Firmen in der Region besser verdienen. Und da haben sie eine Fünf-Tage-Woche, keine Dienste am Wochenende oder in der Nacht. Sogar innerhalb des Flughafens gibt es Jobs, die viel besser bezahlt sind – und nicht so anstrengend.
Was ist die Konsequenz? Muss der Flughafen darüber nachdenken, weniger Flüge durchzuführen?
Nein. Die Konsequenz ist, diese Jobs attraktiver zu machen. Anders kann der Betrieb auf Dauer nicht aufrechterhalten werden.
Interview: Carina Zimniok