Eine Konkurrentin für Minister Piazolo

von Redaktion

Anna Stolz war fünf Jahre lang unauffällige Schul-Staatsekretärin – Jetzt drängt sie nach vorne

VON DIRK WALTER

München – Anna Stolz, 40, Beruf Staatssekretärin. Bald fünf Jahre lang hat die Juristin aus dem unterfränkischen Landkreis Main-Spessart Kultusminister Michael Piazolo (FW) eher unauffällig und loyal assistiert. Das Kultusministerium ist ein Riesen-Haus, ein Minister kann nicht alles abdecken – und so ist es gut, wenn man eine jüngere Frau an der Seite hat, die auch mal ein Grußwort an den Schulen halten kann, wenn der Minister verhindert ist. Das ist so die klassische Denkweise bei der Berufung von Staatssekretären.

Dann aber kam der 29. März dieses Jahres. Seit diesem Tag wird Anna Stolz für Höheres gehandelt, gilt die Unterfränkin, die vier Jahre Bürgermeisterin war und erst 2018 Freie-Wähler-Mitglied wurde, plötzlich als ministrabel. Sie könnte nach der Landtagswahl am 8. Oktober Minister Piazolo verdrängen. Und das ist eigentlich einem Zufall geschuldet.

Am 29. März stand im Zuge der Haushaltsberatungen der Etat des Kultusministeriums auf der Tagesordnung des Landtags. Traditionell stellt dabei der Minister die Eckpunkte des Haushalts vor. Piazolo aber war an diesem Tag krank – was Anna Stolz zu nutzen wusste. Sie hielt eine fulminante Rede – eine spritzige Viertelstunde über die Segnungen der bayerischen Bildungspolitik: Weniger der Inhalt war dabei überraschend – der enthielt die obligatorische Selbstanpreisung des Erreichten: mehr Lehrerstellen („haben unser Ziel sogar übertroffen“), die Anhebung der Besoldung auf A13 („weiterer Erfolg zu verbuchen“), ein Lob fürs Handwerk („wir setzen auf Meister und Master“). Den allenthalben greifbaren Lehrermangel überging die Staatssekretärin in ihrer Rede einfach.

Überraschend war indes der Auftritt an sich. „So geht Chancengleichheit, so geht Bildungsgerechtigkeit“, schleuderte sie der einigermaßen verdutzten Opposition entgegen. Der FDP-Bildungspolitiker Matthias Fischbach, selbst nicht auf den Mund gefallen, wurde abgeledert. „Zahlen vom Dezember zu benutzen ist dann doch etwas schwach“, hielt ihm Stolz vor. „Irgendwie haben Sie nicht verstanden, wovon ich spreche“, fuhr sie den AfD-Politiker Franz Bergmüller an. „Guten Morgen.“ Was auffiel, war der demonstrativ kräftige Applaus aus der Freien-Wähler-Fraktion für ihre Rednerin. Das entging in der Sitzung auch dem Grünen-Schulexperten Max Deisenhofer nicht. „Ich hoffe, der Kultusminister wird nicht neidisch, so viel Applaus hat er in diesem Haus noch nie bekommen“, höhnte er in seiner Replik.

Deisenhofer sagt offen, dass Anna Stolz bei den Freien Wählern als Zukunftshoffnung gehandelt wird. Er ist nicht der Einzige. Unter Vertretern von Lehrerverbänden gilt Anna Stolz als gesetzt. Geht die Wahl so aus, wie es die Umfragen jetzt vorhersagen – eine CSU unter 40 Prozent, erstarkte Freie Wähler mit vielleicht 14 Prozent – könnte die Aiwanger-Truppe ihre drei Ministerien behalten und vielleicht ein viertes dazubekommen. Dass dann endlich eine Frau der Freien Wähler an die Spitze eines Ministeriums aufrücken sollte (bisher sind alle drei FW-Ministerien von Männern besetzt), dürfte selbst FW-Chef Hubert Aiwanger einleuchten, der Geschlechtergerechtigkeit meist schnell als Gender-Gaga abtut.

Auffällig ist, dass Anna Stolz bei ihren Terminen öfters den Freie-Wähler-Abgeordneten Tobias Gotthardt, 46, an ihrer Seite hat. Baumpflanzaktion, Nistkästen-Basteln, gemeinschaftliches Esel-Streicheln – man sieht sich, schätzt sich. Der Oberpfälzer leitete zuletzt, geradlinig und durchaus zupackend, den Bildungsausschuss des Landtags. Stolz als Ministerin, Gotthardt als neuer Staatssekretär, das ist eine denkbare Konstellation.

Und Piazolo? Unterschätzen dürfe man den bald 64-Jährigen nicht, heißt es. Er habe weiter Lust auf das Ministeramt. Von sich aus verzichten werde er nicht.

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