Grainau – Montagvormittag auf dem Höllentalferner unterhalb des Zugspitzgipfels: An die 100 Bergsteiger warten an der Schlüsselstelle der Bergtour darauf, dass sie weitergehen können – ein riesiger Stau im ewigen Gletschereis. Der bildete sich vor allem an einer kniffligen Stelle: Am Rand des Höllentalferner entsteht im Sommer eine 30 bis 40 Meter tiefe und etwa eineinhalb Meter breite Spalte, die die Bergsteiger an Drahtseilen gesichert überschreiten müssen. „Danach geht es sofort in steilem, glattem Felsen weiter“, berichtet Christof Schellhammer von der Bergschule Vivalpin in Garmisch-Partenkirchen, die jedes Jahr hunderte Hobby-Alpinisten sicher auf die Zugspitze führt.
An eisernen Tritten im Fels geht es nahtlos in den Klettersteig zum Gipfel weiter. „Jeder Bergsteiger braucht hier fünf bis zehn Minuten, um den Spalt zu überschreiten“, berichtet Willi Kraus, der Chef der Grainauer Bergwacht-Bereitschaft. Für die vorherige Überquerung des Gletschers haben die Bergsteiger Steigeisen angelegt, die an der Spalte wieder abgelegt werden müssen. „Und jeder Bergsteiger muss die Spalte erst begutachten, bevor er sie überschreitet“, erklärt Kraus weiter. Das dauert.
An den sonnigen Tagen in den Ferien ist der Andrang besonders groß. „Viele Bergsteiger haben ihr Hobby in den Corona-Jahren entdeckt, als man nicht in die Ferne fliegen konnte, jetzt haben sie Geschmack daran gefunden“, erklärt Kraus den riesigen Andrang. „Manche haben auch Nachholbedarf.“ Am Montag war das Wetter besonders gut – und der Andrang besonders groß.
Wie viele den Gipfel der Zugspitze erklommen haben, zeigt der Verkauf der Talfahrten an der Deutschlands höchstem Berg: Die Zugspitzbahn verkaufte am Wochenende 900 dieser Bergsteigertickets. Die Bergsteigerschule Vivalpin dokumentierte den Stau am Berg bei Facebook, die Bilder machten die Runde. Bis zu drei Stunden warteten die Bergsteiger an der Spalte. Doch das Warten ist laut Vivalpin nicht das einzige Problem. „Hier besteht erhöhte Steinschlaggefahr, da der Klettersteig in der Folge über den Wartenden quert.“
Die Bergwacht Grainau muss immer wieder zur Randspalte ausrücken, Bereitschaftsleiter Kraus berichtet: „Am Dienstag hatten wir einen Kreuzbandrisss, als eine Frau sich bei der Überschreitung der Spalte den Fuß verdrehte.“ Schon am Nachmittag mussten die Einsatzkräfte wieder dorthin ausrücken. Eine andere Frau war so erschöpft, dass sie nicht mehr weiter kam. JOHANNES WELTE
An der Spalte gibt es eine hohe Steinschlaggefahr