15 Minuten Hagel reichten für die Katastrophe

von Redaktion

VON KATHARINA BROMBERGER

Bad Bayersoien – Ihren Tiefpunkt hat Gisela Kieweg schon überstanden. Sie sagt’s – und ihr kommen die Tränen. Weil sie so gerührt ist. Wie ihr Dorf zusammenhält und welch unglaubliche Hilfe ihr Dorf von außen bekommt. Und weil ihr Dorf diese Hilfe so dringend braucht nach dem Unwetter. 15 Minuten Hagel reichten für eine Katastrophe. Dabei ist die Bürgermeisterin fest überzeugt: „Das große Leid wird noch kommen.“ Wenn sich alle Schäden zeigen. Und klar wird, wer sich die enormen Kosten für die Reparaturen nicht leisten kann.

Noch bekämpfen die Einsatzkräfte in Bad Bayersoien die unmittelbaren Folgen, die der Hagel am Samstag gegen 16 Uhr angerichtet hat. 355 Helfer waren gestern vor Ort, bis aus dem Raum Augsburg und München kamen sie. „Sie leisten Unglaubliches“, betont Kieweg. Doch kämpfen sie bereits gegen neue Probleme.

Wer derzeit nach Bad Bayersoien fährt, den begrüßen Planen. Grün und weiß leuchten die Dächer. Rund 80 Prozent der 400 Häuser sind betroffen, 80 Prozent waren gestern auch bereits abgedeckt. Mindestens 100 sogenannte Notdächer, Spezialplanen für Häuser, wurden noch am Samstag angefordert, geliefert und seitdem mit dem Kran angebracht. Unmengen an Folien wurden darüber hinaus verbaut, wie viel genau, kann Einsatzleiter Herbert Maurus aktuell nicht abschätzen. Die oberste Priorität lautete von Anfang an: „Die Häuser dicht kriegen.“ Damit Regenwasser nicht noch mehr zerstört.

Das funktionierte erst einmal ganz gut. Doch der Regen ließ die ganze Nacht und gestern nicht nach. Nun melden sich die ersten Bad Bayersoier, bei denen es wieder reinregnet, trotz Planen. Hinzu kommen solche, bei denen sich die Schäden erst jetzt zeigen, erst jetzt das Wasser eintritt. Nur: Es gibt kein Material mehr. „Wir sind dran“, betonte Maurus gestern Mittag. Er orderte nach, weitere Planen sind auf dem Weg. Genauso wie Sandsäcke. Denn das nächste Problem: der Wind, der das Anbringen der Notdächer erschwert. Zudem mussten die Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW und Bergwacht alle Planen zusätzlich mit Sandsäcken beschweren.

Einen Rundgang durch den eigentlich so idyllischen Kurort begleiten zerdepperte Dachplatten und komplett zerstörte sowie provisorisch abgeklebten Autos. Zudem Hausbesitzer, die ihre Gärten aufräumen. Und natürlich die vielen Einsatzkräfte auf Dächern und am Boden. Was man nicht sieht: Vor welcher Tragödie manch ein Bad Bayersoier steht. „In ein paar alten Bauernhäusern läuft das Wasser von oben bis unten durch“, sagt Maurus. Die Fehlböden saugen sich voll, ein Teil der Decken sind bereits heruntergebrochen. Noch mussten die Einsatzkräfte niemanden evakuieren, Maurus betont das Wort „noch“. „Wir haben das genau im Blick.“

Mit vielen Menschen hat Bürgermeisterin Kieweg in den vergangenen Tagen gesprochen, hat uralte Versicherungsverträge gesehen, bei denen der Hagelschaden nicht abgedeckt war. „Es wird hier viel Bedürftige geben“, befürchtet sie. Wie hoch die Schäden sind? Eine offizielle Zahl gibt es nicht. Gestern kamen Experten der Versicherungskammer Bayern vorbei, um die Lage einzuschätzen. „Aber in meinem Kopf schwirren Zahlen rum, da wird mir ganz anders.“ All die kaputten Dächer, Autos, der Hausputz, den die Hagelkörner ausgeschlagen haben, die Schäden in den Häusern, die man noch gar nicht kennt – an einen dreistelligen Millionenbetrag denkt Kieweg, auch wenn sie nicht daran denken will. Sie schüttelt den Kopf, als wolle sie die Zahl vertreiben. Ein kleiner Trost: Dass niemandem etwas passiert ist.

Alles kam so plötzlich. Ein bisschen Regen, dann die Eisbrocken. Bei einem Bad Bayersoier, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, standen die Handwerker auf dem Dach, als der Hagel einsetzte. Gerade hatten sie seine neue Photovoltaik-Anlage montiert, alles war fertig. Wenige Minuten später war sie zerstört. Er schüttelt den Kopf. „Da musst lachen – sonst musst weinen.“ Er hat sich fürs Lachen entschieden. Man müsse einfach nur dankbar sein, betont auch er. Dass niemand verletzt wurde. Und für die Helfer, „die fast Übermenschliches leisten“.

Gestern werkelten sie bis 22 Uhr – offiziell. Heute morgen machten sie sofort weiter. Nach wie vor gilt der Katastrophenfall. Heute will Ministerpräsident Markus Söder nach Bad Bayersoien und in das ebenfalls vom Unwetter gebeutelte Benediktbeuern kommen. Wie lange sie vor Ort noch gebraucht werden, weiß Maurus nicht. Heute sicher noch, „dann beurteilen wir die Lage neu“.

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