Mittenwald – Die Bahnhofstraße in Mittenwald ist sicher kein krimineller Hotspot. Doch an einem Dezember Abend 2022 ging den Ermittlern genau hier der Kurier einer Schockanrufer-Bande ins Netz. Er hatte soeben Goldmünzen, Bargeld und Schmuck im Gesamtwert von 180 000 Euro erhalten. Gestern wurde gegen den 21-jährigen Polen verhandelt.
Der junge Mann wirkte im Landgericht München II neben seiner Dolmetscherin unsicher. Er war wohl nur ein kleiner Fisch im Bandengefüge gewesen. Er musste als eine Art Abholer zwischen Österreich und Deutschland pendeln. Nur 1500 Euro sollte er für seine gefährlichen Dienste kassieren.
Über das polnische Portal OLX, das der hiesigen Plattform Ebay ähnelt, war er an seinen Kurier-Job gekommen. Das berichtete zumindest seine Verteidigerin Annette Wunderlich. Ob der 21-Jährige vom kriminellen Hintergrund seiner Tätigkeit wusste, blieb zu Prozessauftakt unklar. „Es tut dem Angeklagten aufrichtig leid, dass er an den Taten teilgenommen hat“, sagte sein zweiter Verteidiger Mciej Pazur. Zuvor hatte der Jurist mit dem Gericht eine Absprache ausgehandelt: Maximal vier Jahre und drei Monate Haft bei einem vollumfänglichen Geständnis. Darauf ließ sich der Angeklagte ein. Den Verteidigern zufolge war er professionell mit einem Arbeitsvertrag angeworben worden. Doch spätestens beim ständigen Tausch der Diensthandys hätte er hellhörig werden müssen.
Die Geschädigten waren von anderen Bandenmitgliedern mit der immer gleichen Masche geködert worden. Meist gaukelten sie am Telefon einen schweren Verkehrsunfall vor, den eine erwachsene Tochter erlitten haben sollte und jetzt Geld benötigte, um die drohende Haft per Kaution abzuwenden. Ungewöhnlich, dass eine Frau aufgefordert wurde, mit der Beute von Innsbruck nach Mittenwald zu fahren. Tatsächlich übergab sie dort neben Schmuck noch 49 Krügerrand-Münzen. Der Prozess dauert an. ANGELA WALSER