Schönau – Die Faszination, die die Eiskapelle unterhalb der Watzmann-Ostwand am Königssee auslöst, ist ungebrochen. Sie ist das tiefst-gelegene permanente Eisfeld der Deutschen Alpen. Obwohl die Schneegrenze im Sommer fast 2000 Meter höher liegt, besteht dieses Firneisfeld das ganze Jahr.
Auch Andreas Wolf aus Krailling im Kreis Starnberg kann sich an dem Naturgebilde nicht sattsehen. Er ist Höhlen- und Karstforscher und untersucht die Eiskapelle seit Jahren. Als Mitglied der Bergwacht weiß Wolf aber auch, dass das rund 25 Quadratkilometer große Gebilde samt seinem Höhlensystem schon viele Schaulustige das Leben gekostet hat – und die Gefahr wird größer, je mehr der Klimawandel die Eiskapelle abschmelzen lässt. Gleichzeitig locken Soziale Netzwerke wie Instagram so viele Besucher wie noch nie dort hin.
Wie der Klimawandel dem beliebten Tourenziel zusetzt, zeigen Zahlen des Verbands Deutscher Höhlen- und Karstforscher: „Zusätzlich zur Fläche nehmen seit 2019 auch Dicke, Stärke und Höhe der Eismassen stark ab“, sagt Wolf. „In Summe hat die Eiskapelle seit 1953 schon 730 000 Kubikmeter verloren. Die Bereiche der Randklüfte und der Eingangsbereich der Höhle sind nur noch sehr dünn.“
Und genau das sind die Bereiche, von denen das größte Einsturzrisiko ausgeht. Jahr für Jahr schmelzen sie früher und breiter aus. „Man wundert sich, dass nicht mehr passiert“, sagt Wolf. „Das internationale Publikum riskiert zu viel: kein Helm, kein Licht und langes Verweilen im Eingangsbereich für das ultimative Foto.“
Bis Mitte der 1970er-Jahre ist die Eiskapelle noch als Skipiste genutzt worden. 1973 war allein ihre Fläche mit 50 Quadratkilometern um ein Vielfaches größer. Heute ist Pistenspaß hier unvorstellbar. Auf dem dünner werdenden, auskragenden Eisfeld kann jede Zusatzbelastung – etwa ein Bergsteiger – zu plötzlichem statischen Versagen führen, erklärt Wolf. Gefahren lauern an, auf und unter der Eiskapelle und vor allem auch davor. Auf den letzten 150 Metern vorm Höhleneingang, im sogenannten Eisgraben, geben die Moränen nach – sodass mannshöhe Blöcke auf den Pfad unterhalb stürzen können.
Am Eisfeld ist der Eingangsbereich gefährlich, da dort die Eisdecke am dünnsten ist. „Ohne Vorankündigung kann diese während der Mittagszeit mit großen Felsblöcken abbrechen“, sagt Wolf. In den Höhlengängen brechen die Eismassen schalenartig ab, weil Schmelzwasser die Deckenfirste hinterspült. Auch der Bereich, wo die Eiskapelle an die Felswand grenzt, stecke voller Risiken: „Felsverankerungen können dort fast nicht geschaffen werden. Bei einem ungesicherten Sturz fällt man in die Randkluft.“
Mahnmale gibt es viele – und Wolf kann sie aufzählen: 1984 starben Schüler durch kollabierende Eismassen im Höhleneingang. 1994 stürzte ein Schüler in die Randkluft und konnte erst nach mehreren Stunden geborgen werden. 2016 ist ein Bergsteiger durch gleitende Felsblöcke auf der Südseite der Moräne eingeklemmt worden, weil das Eis zu stark zurückgegangen war.
„Das unbefestigte Moränenmaterial mit teils mannshohen Blöcken glitt in den Eisbach hinab. Dabei wurde der Bergsteiger damals eingeklemmt, konnte aber gerettet werden“, sagt Wolf. „Zwei Jahre später brach das stark auskragende Eisfeld an der Nordseite ab und riss einen Bergsteiger in die Tiefe und in den Tod.“
Noch ist die Eiskapelle im Vergleich zu den Gumpen am Königsbachfall, wo 2019 zwei Männer ertrunken sind, nicht gesperrt. Aber der Nationalpark Berchtesgaden warnt: „Die Eiskapelle ist ständig einsturzgefährdet, bei Betreten besteht Lebensgefahr!“ Auch für den Höhlenforscher Andreas Wolf ist klar: Wegen all der Gefahren ist der sicherste Weg, die Eiskapelle nur von außen zu betrachten.