München – Julia Probst ist von Geburt an gehörlos und sitzt seit Mai 2022 für die Grünen im Stadtrat von Neu-Ulm. Nun will die 41-Jährige in den Landtag – mit Listenplatz 5 in Schwaben stehen die Chancen ganz gut, als erste gehörlose Abgeordnete ins Maximilianeum einzuziehen. Wir haben mit ihr ein telefonisches Interview geführt. Dazu benutzten wir einen Dolmetscherdienst: Eine Übersetzerin sah Probst im Video und dolmetschte ihre Gebärden.
Wie haben Sie als Gehörlose Wahlkampf gemacht?
Am einfachsten ist es für mich mit Dolmetscher. So kann ich mich am besten auf Gespräche konzentrieren. Die Hauptschwierigkeit war, Gebärdensprachdolmetscher zu finden, es gibt einen dramatischen Mangel. Vielleicht sorgt meine Sichtbarkeit dafür, dass dieser zukunftsfeste Beruf wieder attraktiver wird.
Und wenn Sie keinen Dolmetscher dabeihatten?
Ich kann sehr gut von den Lippen ablesen, oft merkt mein Gegenüber kaum, dass ich nicht höre. Und ich spreche ganz gut. Aber beides kostet mich sehr viel Kraft.
Inwiefern?
Von den Lippen lesen ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Nur 30 Prozent aller Laute im Deutschen sind überhaupt sichtbar. Ich habe einen Lückentext, den ich aus dem Kontext heraus vervollständige. Mutter und Butter zum Beispiel kann man über die Lippen nicht unterscheiden, solche falschen Freunde gibt es im Deutschen oft. Dadurch können auch Missverständnisse entstehen.
Sie sitzen seit eineinhalb Jahren im Stadtrat von Neu-Ulm. Wie geht das?
Im Stadtrat ist stets ein Dolmetscher dabei, den die Stadt stellt. Im Landtag hätte ich deutlich mehr Termine, da muss man mehr Dolmetscher organisieren. Aber es gibt einen Vorteil: Die gehörlosen Bürger können mich als Politikerin direkt ansprechen und die Sitzungen und Veranstaltungen, an denen ich teilnehme, werden barrierefrei. Allerdings mache ich nicht nur Politik für Menschen mit Behinderung.
Reduziert man Sie darauf?
Na ja, die Gehörlosigkeit ist ja ein Teil von mir. Die Barrieren, die taube Menschen haben, sind ja auch meine gewesen oder sind es noch. Die Perspektive nehme ich natürlich mit in meine politische Arbeit. Aber auch Digitalisierung, Bürokratieabbau und bezahlbarer Wohnraum sind meine Themen.
Welche Barrieren haben Gehörlose denn im Alltag?
Bis vor zwei Jahren gab es etwa keinen Notruf für Gehörlose. Dann führte die Bundesregierung eine Handy-App ein. Darüber kann man schriftlich einen Notruf absetzen, aber viele Gehörlose sind funktionale Analphabeten. Diese Dinge will ich lösen. Oder auch, dass Alltägliches wie ein Gespräch mit dem Bankberater barrierefrei wird oder es an Bahnhöfen mehr schriftliche Informationen gibt. Davon haben alle was, die Durchsagen sind oft schlecht zu verstehen.
Haben Wähler Vorbehalte, weil Sie gehörlos sind?
Es ist eher umgekehrt. Wenn ich mich mit meinem Flyer vorstelle, sind sie sehr interessiert an mir und daran, was ich kann. Das ist für die Menschen nicht alltäglich, sie treffen selten Taube. Während ich das Interview mit Ihnen führe, schauen viele zu.
Sie sind ja eine kleine Berühmtheit – aber eher bei Fußballfans.
Ich fühle mich nicht berühmt, aber es ist wirklich witzig: Als 2006 die Weltmeisterschaft in Deutschland war, habe ich mit Freunden ein Spiel angeschaut. Klinsmann war Trainer und rief Lukas Podolski zu: „Hör auf, das ist es nicht wert!“ Ich musste lachen, aber meine Freunde wussten nicht warum. Da erfuhr ich erst, dass die Zuschauer nicht hören, was die Spieler auf dem Platz miteinander reden. Erst habe ich für meine Freunde übersetzt – und irgendwann habe ich das auf Twitter gepostet. Die Leute waren fasziniert, das ging durch die Decke.
Sogar Jogi Löw kennt Sie.
Ja, er hat mal auf einer Pressekonferenz bei der WM 2010 sinngemäß gesagt, dass er künftig besser aufpassen muss, was er sagt.
Dann muss Markus Söder wohl bald aufpassen, was er seinen Ministern im Landtag zuflüstert…
Ich glaube, dass ich das Ablesen nicht abstellen kann, weil ich es gewohnt bin. Ich starte einen winzigen Lauschangriff, so könnte man das sagen. Das ist aber nicht mein Fokus, ich konzentriere mich auf die politische Arbeit und wünsche mir eine Regierung, die alle Menschen mitdenkt.
Interview: Carina Zimniok