Pocking – Vor ein paar Wochen hat Konrad E., 61, einen neuen Plattenspieler gekauft, der alte hat den Geist aufgegeben. Er legte eine Platte auf und tanzte mit seiner Frau durch das Wohnzimmer in Pocking, Kreis Passau. Ungefähr zur gleichen Zeit haben Konrad E. und seine Frau eine Reise gebucht, nach Palermo. Es waren glückliche, unbeschwerte Zeiten.
Doch seit Freitagabend, kurz nach 19 Uhr, ist alles anders. Konrad E. wurde mitten im 15 000-Einwohner-Städtchen Pocking Opfer einer Gewalttat, zumindest sieht im Moment alles danach aus. Jetzt liegt der 61-Jährige auf der Intensivstation, Krankenhaus Rotthalmünster, angeschlossen an Schläuche und Maschinen. Seine Frau, seine beiden erwachsenen Kinder, Freunde sind fast rund um die Uhr bei ihm und hoffen, dass Konrad E. überlebt. Und dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird.
Was ist passiert? Konrad E. steigt am Freitagabend mit seiner Frau in Pocking ins Auto, sie wollen mit Freunden in Bad Griesbach ins Restaurant. An einer Kreuzung wartet der 61-Jährige, bis er auf die größere Straße einbiegen kann. Plötzlich ein Schlag auf das Heck, wohl noch einer. Das Paar erschrickt. Konrad E. stellt das Auto ab, um zu schauen, was passiert ist. Da kommt, so erinnert sich später seine Frau, ein fremder Mann auf Konrad E. zu. Sie sieht, wie der Unbekannte Konrad E. zwei Mal in den Bauch boxt. Er sagt etwas in gebrochenem Deutsch. Sein Blick ist aggressiv.
Konrad E. fragt den Täter, was das soll – und kündigt an, die Polizei zu rufen. Der Unbekannte läuft davon. E. hinterher. Seine Angehörigen vermuten, er wollte wissen, wer der Typ ist, damit er ihn der Polizei melden kann. „Mein Vater ist ein friedfertiger Mensch, er begegnet jedem mit Respekt“, sagt sein Sohn. „Noch nie hat er jemanden geschlagen.“
Konrad E. ruft die Polizei, macht mit dem Handy Fotos. Und er ruft seine Frau an. 19.02 Uhr. Die bleibt beim Auto stehen, um auf die Polizeistreife zu warten. Die kommt schnell – und findet Konrad E. etwa 200 Meter weiter. Er liegt am Boden, leblos, überall Blut. Was ist passiert? Dass diese wenigen Minuten im Dunkeln liegen, ist unglaublich schwer für die Familie.
Die Beamten defibrillieren Konrad E. vier Mal, der Notarzt kommt und bringt ihn ins nächste Krankenhaus. Hirnödem, gebrochene Rippen, ein gebrochenes Brustbein, Platzwunde am Kopf, künstliches Koma. Konrad E. kämpft um sein Leben. Am Montagnachmittag erfährt die Familie, dass er wohl bleibende Gehirnschäden davontragen wird. Sie sucht jetzt händeringend eine Klinik mit einer neurologischen Station, die Konrad E. aufnimmt. „Wir kämpfen. Das hätte mein Vater auch gemacht“, sagt sein Sohn. „Das hat er immer gemacht.“ Konrad E., Werkzeugmacher aus Niederbayern, der in einer Fabrik arbeitet, seit er 16 ist. Der sich hochgearbeitet hat zum Betriebsrat. Der vor zwei Jahren einen Bypass bekommen hat, seitdem viel Sport gemacht hat. „Er hat sein Leben genossen und überlegt, ob er früher in Rente geht“, sagt sein Sohn.
Der 38-Jährige, der in München wohnt und sofort nach der schlimmen Nachricht nach Niederbayern fährt, klappert noch in der Nacht Kneipen und Cafés ab. Wer hat was gesehen? Schließlich liegt der Tatort nur ein paar Schritte von der Stadtmitte entfernt. Das Café IO ist nur ein paar Meter weiter, dort sitzen am Freitagabend zahlreiche Gäste an den Tischen draußen. Mindestens drei Autos fahren an dem liegenden Konrad E. vorbei. Die Familie bittet die Fahrer, sich zu melden. Es muss doch Zeugen geben. Davon geht auch die Polizei aus. Es gibt die Aufnahmen aus dem Handy, die werten die Ermittler noch aus. „Wir brauchen den Täter, das ist das A und O“, sagt Oberstaatsanwalt Walter Feiler. Seine Behörde ermittelt wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Aktuell sucht die Polizei diesen Mann: etwa 55 Jahre alt, schlank, ca. 170 Zentimeter groß, gebrochenes Deutsch, 3-Tage-Bart, südländische Erscheinung, dunkle Jacke. Nach Angaben der Familie des Opfers hat der Täter graue bis weiße Haare, seine Jacke war olivgrün, seine Jeans blau und er trug dunkle bis schwarze Sneaker mit weißem Rand und wohl weißer Sohle.
Mitte September ist Konrad E. zum ersten Mal Großvater geworden, er war wahnsinnig stolz. Am Sonntag wollten Oma und Opa das Baby in München besuchen.