Israel-Rückholaktion: „Anhaltendes Chaos“

von Redaktion

VON DANIELA POHL

München/Haifa – Es ist vier Uhr nachts, als Matthias Helwig (63) in seinem Hotel in Haifa kurz aufatmet: Der Kino-Betreiber aus Starnberg ist bei der Lufthansa-Hotline durchgekommen. Endlich bekommt er Flugtickets zurück nach München. Dachte er. Doch er irrt: Die Dame von der Hotline kann ihm nicht helfen. Sie sitzt auf den Philippinen. Und ihr Computer geht nicht. Es ist der irrwitzige Höhepunkt einer Odyssee am Rande des grausamen Krieges, der seit Tagen in Israel tobt.

Seit die Hamas am Samstag das Feuer eröffnet hat, versuchen Tausende Deutsche, aus dem Land zu kommen. Die Lufthansa hat mittlerweile zugesagt, gestern und heute jeweils bis zu vier Flüge aus Tel Aviv anzubieten. Die ersten deutschen Staatsbürger landeten gestern in der Heimat. Doch es gibt Kritik an der schleppenden Rückhol-Aktion.

Matthias Helwig, der auch das Fünf-Seen-Festival ausrichtet, war mit einer Mitarbeiterin zum Internationalen Filmfestival nach Israel geflogen. Der Rückflug vergangenen Samstag wurde abgesagt. Helwig blieb zunächst ruhig. „Wir fühlen uns in Haifa sicher und haben erst mal abgewartet.“ Wie vom Auswärtigen Amt empfohlen, trugen sie sich in die Krisenvorsorgeliste für Katastrophenfälle ein. Helwig fand einen bezahlbaren Flug der Turkish Airlines, der am Freitag gehen sollte. Zwischenzeitlich habe die deutsche Regierung „absurde Vorschläge“ gemacht: Mit dem Bus nach Amman oder mit der Fähre nach Zypern – „andere waren da schon in der Luft“.

Aus dem deutschen Außenministerium hieß es, nachdem einige Fluggesellschaften die Flüge eingestellt hätten, habe man dafür gesorgt, dass nun doch wieder Sonderflüge der Lufthansa nach Israel flögen. Zugleich wurde betont: „Wir arbeiten weiter an Ausreisemöglichkeiten – per Flugzeug, per Bus, per Schiff.“ Für die Teilnahme an den Sonderflügen wird eine Gebühr in Höhe von 300 Euro pro Person fällig. Nach dpa-Informationen stellt die Lufthansa pro Person 550 Euro in Rechnung, 250 Euro übernimmt der Staat.

Kritik kommt nicht nur von Betroffenen, die stundenlang in der Telefon-Warteschlange festhingen. Auch der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jürgen Hardt, kritisiert die Organisation der Sonderflüge. Außenministerin Baerbock habe „versucht, das Problem der Ausreise mit möglichst wenig eigenem Aufwand an die Lufthansa auszulagern. Das Ergebnis ist anhaltendes Chaos. Gegebenenfalls müssen nun doch militärische Kapazitäten genutzt werden, um die Deutschen nach Hause zu bringen.“

Helwigs Hotel ist mittlerweile leer: „Wir sind die letzten Gäste.“ Als auch sein Turkish-Airlines-Flug abgesagt wird, wächst die Anspannung. Und die Kritik an der deutschen Regierung: „Als klar war, dass nichts fliegt, hätte man uns zumindest besser informieren können. Man wird allein gelassen.“

Als er über die deutschen Nachrichten erfährt, dass die Lufthansa doch Flüge bereitstellt, wählt er die Nummer der Hotline. Belegt. Klar. „Nach vier Stunden war ich sogar in der Warteschleife.“ Er habe noch mal eine Stunde gewartet. Dann flog er raus. Frustration, Wut. Nachts um drei steht er auf, ruft wieder an. Das ist der Anruf, bei dem er auf den Philippinen rauskommt – ohne Erfolg.

Eine halbe Stunde später ruft er wieder an. Und hat endlich Glück: Dieses Mal ist es ein Mitarbeiter aus Südafrika, der ihm zwei Tickets zusichert. Heute um 14.30 Uhr soll es für Helwig und seine Mitarbeiterin zurück nach München gehen.

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