„Mann für Reizthemen“: Der Blitzstart des Politikers Aiwanger

von Redaktion

Hubert Aiwanger kennt heute jeder. 2006, als er Chef der Freien Wähler wurde, war das noch anders. Hubert wer? So rätselten damals die politischen Beobachter.

Der Beginn seiner Karriere lässt sich ziemlich genau datieren: auf den 25. März 2006 im Bürgerhaus von Garching (Kreis München). An jenem Tag trat Hubert Aiwanger bei der Wahl zum Landesvorsitzenden der Freien Wähler an – als Nachfolger des FW-Urgesteins Armin Grein. Wenige hatten ihn damals auf der Rechnung. Der Niederbayer schlug aber in zwei Wahlgängen drei Konkurrenten aus dem Feld, in der ersten Runde den Bürgermeister von Höchstadt und den Allgäuer Bernhard Pohl (damals FW-Leitlinienreferent, heute Landtagsabgeordneter). In einer zweiten Runde bezwang er in einer Kampfabstimmung dann den letzten Gegenkandidaten, einen Anwalt aus Ingolstadt, nur knapp mit 340 zu 322 Stimmen. Dabei hatte der 35-jährige Agraringenieur bis dahin keinerlei kommunalpolitische Erfahrung gesammelt. Stadtrat wurde er erst 2008. „Außenseiter an der FW-Spitze“, titelte unsere Zeitung.

In dem Bericht über die Wahl war Folgendes über ihn zu lesen: Aiwanger „gilt als Vertreter markiger Sprüche“ und habe aufgrund seines „populistischen Auftritts“ die Delegierten überzeugt. Vor allem die CSU attackierte Aiwanger in seiner Bewerbungsrede. Da war vom „Filzprojekt CSU“ die Rede, von „Großkonzernpolitik“ und „Machenschaften“. Den Allgäuer Landrat Johann Fleschhut, der Mäßigung verlangte, beschied er: „Überregional bekannt werden wir nicht, wenn wir ein paar Ehrennadeln überreichen.“ Fleschhut wollte dann keinesfalls Aiwangers Vize werden.

Zwei Wochen später besuchte Aiwanger unsere Redaktion – man wollte ihn mal genauer kennenlernen. „Der Mann für die Reizthemen“ war der Bericht dann überschrieben. Und o ja, Reizthemen gab es. Aiwanger wetterte gegen den EU-Beitritt der Türkei – damals ein Topthema, und schloss auch gleich Rumänien und Bulgarien aus. Die Tonlage ähnelte dem, was heute zu hören ist. „Warum muss ein Rumäne in fünf, sechs Jahren nach München kommen und dort Sozialhilfe beantragen können“, fragte er. Auch die mangelnde Verpflichtung deutscher Arbeitsloser regte ihn auf – warum müsse man in seiner Region 150 polnische Saisonarbeiter holen, während es 3000 deutsche Arbeitslose gebe? Noch ein anderes Reizthema gab es damals: die sogenannte Homo-Ehe. „Da bin ich persönlich dagegen und habe auch keinen Freien Wähler getroffen, der dafür ist“, sagte Aiwanger dazu. Bald geriet Aiwanger auch mit dem damaligen CSU-Generalsekretär Markus Söder aneinander. Im November 2006, als Aiwanger die CSU wieder einmal als „korrupt und gekauft“ bezeichnet hatte, giftete Söder zurück: „Die NPD-Methoden der Freien Wähler sind unerträglich.“

Doch das Kalkül ging auf: 2008 zogen die FW mit 10,2 Prozent erstmals in den Landtag ein. Aiwanger habe mit „klaren, manchmal auch überzogenen Äußerungen“ den FW „viel Aufmerksamkeit“ beschert, bemerkte Vorgänger Grein schon im November 2006. Den Vorwurf des Rechtspopulismus übrigens hatte Aiwanger nach seiner Wahl brüsk zurückgewiesen: „So ein Schmarrn“. DIRK WALTER

Artikel 7 von 11