Ich bekomme die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Nachts, wenn ich aufwache, stehen sie mir sofort vor Augen. Tagsüber überfallen mich die Szenen, die sich daran knüpfen. Ein junges Mädchen tanzt im Freien glücklich in den Morgen. Wenig später liegt sie auf der Ladefläche eines Wagens, halb nackt, auf dem Bauch, mit verrenkten Gliedern, ob tot oder noch lebendig, weiß man derzeit nicht. Sie wird durch eine johlende Menschenmenge gefahren und bespuckt. Eine andere Frau, die Hose hat große Blutflecken, starrt paralysiert um sich. Männer stoßen sie hin und her, reißen sie an den Haaren, drängen sie schließlich in ein Auto, in das sich die Peiniger ebenfalls zwängen.
Ich leide mit allen Menschen, die der barbarischen Attacke von Terroristen auf Zivilisten in Israel zum Opfer gefallen sind: Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen, alte Menschen. Es zerreißt mir das Herz. Und ich bin eine Frau. Ich fühle zutiefst mit den gequälten und geschändeten Frauen und Mädchen, die meine Mutter, meine Schwester, meine Tochter, meine Enkelin, meine Freundin, meine Nachbarin sein könnten – oder meine Busfahrerin, die Kassiererin im Supermarkt, die Lehrerin, die Polizistin. Was ihnen von den Terroristen angetan wurde und wird, muss uns, wenn wir wirklich solidarisch sind, so nahe sein, wie wenn es einer von uns geschähe. Die Bilder sind entsetzlich. Entsetzlich sind die Freudenfeiern auf Deutschlands Straßen. Wer sich daran begeistert, dass Menschen andere abschlachten, dass Männer Frauen vergewaltigen und ihre Opfer zum Gespött machen, der hat den Boden der Humanität unter sich längst verloren.
„Nie wieder“ wird in Gedenkfeiern regelmäßig verkündet. „Deutschland steht unverbrüchlich an der Seite Israels“ heißt es, wenn Furchtbares geschehen ist. Das sind wichtige Sätze. Zum Reden gehört das Handeln. Unser Land ist ein Rechtsstaat und der muss reagieren, will er sich nicht selber schwächen und der Lächerlichkeit preisgeben. Wir leben in unserem Vater- und Mutterland in einer kostbaren Demokratie, die die Menschenwürde schützt.
Es braucht den klaren Handlungswillen der Politiker und Politikerinnen gegen die Feinde der Demokratie und damit auch gegen die Verachtung von Frauen. Es braucht den gesamten zivilgesellschaftlichen Konsens darüber, dass Freudenfeiern über Blutbäder an unschuldigen Menschen, über die Vergewaltigung von Mädchen und Frauen verwerflich und strafbar sind. Mein sehnlichster Wunsch ist, dass die Mütter aller Länder und Religionen ihre Söhne zum Respekt und zur Hochachtung erziehen. Vor anderen Menschen, vor Frauen. Nur so kann es Frieden geben.