Das soziale Gewissen der CSU

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Noch deutet in Josef Mederers Büro nichts darauf hin, dass für ihn bald ein langes Lebenskapitel zu Ende gehen wird. Auf seinem großen Schreibtisch türmen sich die Unterlagen, der Terminkalender ist voll. Bis zum 3. November noch. Das ist Mederers letzter Arbeitstag. Nach 15 Jahren als Oberbayerns Bezirkstagspräsident und 30 Jahren in der Politik zieht sich der 74-Jährige in den Ruhestand zurück.

Josef Mederer wäre nicht Josef Mederer, würde er das Ruhe in Ruhestand allzu wörtlich nehmen. Er hat viele Pläne. Statt mit dem Tablet wird er häufig mit Zollstock oder Malerpinsel unterwegs sein. „Ich bin ein leidenschaftlicher Handwerker“, sagt er und schmunzelt sich ein paar Lachfalten um die Augen. Sein Sohn und seine Tochter wissen das – vor Langeweile muss er sich zu Hause in Altomünster im Kreis Dachau also nicht fürchten. Er freut sich aufs Reisen, auf Kultur-Veranstaltungen, Zeit mit seinen fünf Enkeln. „Außerdem habe ich mir vorgenommen, regelmäßig joggen zu gehen.“ Trotzdem weiß er, dass sich sein Leben in ein paar Tagen gründlich verändern wird. Seit er 1993 zum Bürgermeister Schwabhausens gewählt wurde, stand er oft im Mittelpunkt, bekam täglich viele Anrufe und noch mehr E-Mails. Obwohl Mederer in vielen Vereinen und Initiativen weiterhin Ehrenämter übernimmt, wird es ruhiger um ihn werden.

Eigentlich war es ja gar nicht geplant, dass er so viele Jahrzehnte seines Lebens der Politik widmet. Einige seiner Lehrer hätten ihm das wohl auch nicht zugetraut, sagt er und erinnert sich lächelnd an ein Zeugnis zurück: „Er könnte, wenn er nur wollte…“ stand darin. Der Ehrgeiz kam erst später. Mederer holte die Fachschulreife per Telekolleg nach. Er hatte eine Ausbildung zum Brauer gemacht. „Aber es gab so viele Braumeister damals“, erzählt er. Als er erfuhr, dass im Dachauer Landratsamt ein Sachbearbeiter in der Zulassungsstelle gesucht wurde, bewarb er sich und bekam den Job. Schnell arbeitete er sich in der Kommunalverwaltung hoch, wurde irgendwann Verwaltungsleiter im Schwabhauser Rathaus und machte seinen Job so gut, dass der Bürgermeister fragte, ob er sich nicht für seine Nachfolge zur Wahl stellen wolle. Er habe eine Weile gebraucht, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, erinnert er sich. „Aber ich kannte die Gemeinde in- und auswendig.“ Und die Gemeinde ihn. Er wurde gewählt. Bei der Wiederwahl, 1999, bekam er sogar 99 Prozent der Stimmen. Neun Jahre später wurde er Bezirkstagspräsident von Oberbayern. Dort schaffte er bei der Wiederwahl 2013 sogar die 100 Prozent.

So viel Zustimmung bedeutet nicht, dass Mederer sich nicht trauen würde anzuecken. Wenn’s sein muss auch bei seiner eigenen Partei, der CSU. Zum Beispiel hatte er sich energisch für Rückzugsräume für Drogenkonsumenten eingesetzt – gegen die Linie seiner Partei. Hinter dieser Überzeugung steht er bis heute. Eines habe ihm die Politik früh gelehrt, sagt er: „Für seine Überzeugungen lohnt sich das Streiten.“ Egal, ob es um eine Kläranlage in Schwabhausen geht, oder um Entscheidungen für Suchtkranke. Die Kläranlage läuft heute störungsfrei, die Drogenrückzugsräume stehen inzwischen im Wahlprogramm der Bezirkstags-CSU. Es gab einige Themen, für die Mederer gerne unbequem geworden ist, wenn es sein musste. Die Krisendienste zum Beispiel, für ihn eine Herzenssache. „Bei diesem Thema habe ich nie Ruhe gegeben“, sagt er. „Ich war immer sicher, damit können wir Leben retten.“ Mittlerweile gibt es das Angebot für Menschen in seelischen Notlagen überall in Bayern, rund um die Uhr. 86 000 Anrufe gehen dort im Jahr ein. Auch für die Pflegestützpunkte musste Mederer oft kämpfen und immer wieder erklären, warum das Geld dafür richtig investiert ist.

Rückblickend glaubt er, dass er davon profitiert hat, ausgleichend wirken zu können – bei allem Kampfgeist. Trotzdem sagt er auch selbstkritisch: „Manchmal war ich vielleicht zu forsch.“ Er habe sich nie verbiegen lassen und sich für Randgruppen einsetzen wollen. Nicht überall kam das gut an. 2018 entschied die CSU, dass sie für den Bayerischen Bezirketag ein neues Gesicht wollte. Mederer musste den Posten nach fünf Jahren an Franz Löffler abgeben, blieb aber für Oberbayern Präsident. Natürlich sei er damals überrascht worden von dieser Entscheidung seiner Partei, sagt er. „Aber Politik ist immer ein Vertrag auf Zeit. Ich habe mich auch danach nicht ausbremsen lassen.“

Nun steht sein letzter Arbeitstag bevor. Am 3. November wählt der oberbayerische Bezirkstag einen neuen Präsidenten. Mederers letzte Amtshandlung wird es sein, seinem Nachfolger zu gratulieren. Danach beginnt ein neues Kapitel für ihn. „Der letzte Tag wird sicher emotional.“ Schon in diesen Tagen gibt es viele „letzte Male“. Seine Sprecherin hat für ihn ausgerechnet, wie viele Kilometer er als Bezirkstagspräsident zurückgelegt hat. Die Strecke entspricht 20 Erdumrundungen. Nach so einer Wegstrecke kann eine Joggingrunde durch Altomünster etwas sehr Wertvolles sein.

Artikel 7 von 9