Rückblick auf die bisherigen Teile: Vor 100 Jahren, am 8./9. November 1923 versetzte der Hitlerputsch München in Angst und Schrecken. Für Stunden schien die Stadt paralysiert. Abgesandte des Bund Oberland verhaften Juden und verschleppen sie in den Bürgerbräukeller. Besonders aktiv sind zwei junge Männer, Theodor Roth und Walter von Weizenbeck.
Mit einem gekaperten Auto – es gehörte einem Bankdirektor – und dessen Chauffeur klapperte der 21-jährige Student Theodor Roth mit dem erst 18-jährigen Kaufmann Walter von Weizenbeck, verschiedene Adressen in München ab – auf der Suche nach Juden, die sie verhaften und als Geiseln in den Bürgerbräukeller bringen wollten. Die Fahrt führte sie quer durch München zu verschiedenen verdächtigen Personen – so zum Schriftsteller Karl Landauer, der am Kufsteiner Platz wohnte, zum Autor Robert Hallgarten (Pienzenauer Straße) und zum Kunst- und Altertumshändler Hermann Einstein in der Sternwarthstraße. In der Ludwigstraße nahmen die beiden Moritz Wallach mit. Dieser war zusammen mit seinem Bruder Julius Inhaber eines bekannten Trachtengeschäfts – es war damals in einem Palais in der Ludwigstraße 7 ansässig. Alteingesessene Münchner werden noch das später erbaute Eckgebäude Residenzstraße 3/Ecke Hofgraben mit dem „Haus für Volkskunst und Landestrachten“ der Wallachs kennen, das es dort bis 2004 gab.
Alle Gefangenen lieferten Roth und Weizenbeck im Bürgerbräu ab. Ein Zwischenstopp wurde zuvor in der Dachauer Straße bei den „jüdischen Tandlern“ (O-Ton im Polizeiprotokoll) eingelegt. Hier kam es auch zu Denunziationen des herbeigeeilten Straßenpublikums, das die willkürlichen und illegalen Festnahmen durch die beiden Oberland-Mitglieder anscheinend noch unterstützte.
So sagte Weizenbeck gegenüber der Polizei aus, nach der Festnahme des Eisenwarenhändlers Josef Adler in der Dachauer Straße 44 sei „von den inzwischen dort angesammelten Leuten“ auch der im gleichen Haus wohnende Kleiderhändler Samuel Wilczänski „als berüchtigter Jude“ bezeichnet worden, „weshalb wir auch diesen mitnahmen“.
Erst als die beiden Möchtegern-Polizisten um die Mittagszeit auf ihrer Fahrt den Odeonsplatz überquerten, wurden sie von Beamten der Bayerischen Landespolizei angehalten und verhaftet.
Es gab noch weitere Verhaftungsaktionen in den hektischen Putschstunden. Unter anderem drang eine nationalsozialistisch gesinnte Menschenmenge, die sich nach Eintreffen der Putschnachricht in der Neuhauserstraße zusammengerottet hatte, in der Nußbaumstraße in die Privatwohnung des SPD-Landesvorsitzenden Erhard Auer ein, um ihn mitzunehmen – Auer war aber klugerweise schon untergetaucht.
Besonders bemerkenswert sind Verhaftungen im Münchner Rathaus am Marienplatz. Der Marienplatz wurde am Vormittag des 9. November überflutet von Schaulustigen. Der aus Nürnberg herbeigeeilte Lehrer Julius Streicher, schon damals ein antisemitischer Agitator und Herausgeber des einige Monate zuvor gegründeten Hetzblatts „Stürmer“, hielt dort eine Rede, während im Rathaus der Ältestenrat tagte.
Er war nach der Putschnachricht zusammengetrommelt worden und wurde nun von Nationalsozialisten überfallen. Acht Stadträte von SPD, USPD und KPD, darunter auch Münchens erster Bürgermeister Eduard Schmid (1861-1933) von der SPD, wurden vom „Stoßtrupp Hitler“ unter Befehl ihres Anführers Julius Schaub verhaftet. Schmid gab später zu Protokoll, der Stadtrat Albert Nußbaum und zwei weitere Räte seien „brutal von den Stühlen gerissen, zur Seite gestellt und dem Stadtrat Nußbaum ein Schlag auf den Schädel“ versetzt worden seien. Auf einem Lkw, den die Putschisten in Freising requiriert hatten, wurden sie abtransportiert und dabei übel beschimpft.
Auch wenn den Gefangenen letztlich nichts passierte: Wie in einem Labor zeigten diese wilden Verhaftungsaktionen, was passieren würde, wenn man Rechtsradikale frei gewähren ließ und sie sich polizeiliche Befugnisse anmaßten. Für einige Stunden gab es in München also eine Vorwegnahme der Machtübernahme von 1933. Wer genau hinsah (wie etwa der Autor Lion Feuchtwanger), konnte sehr wohl wissen, dass antisemitische Drohungen nicht nur so dahingesagt wurden – sondern dass es Hitler und seinen Anhängern ernst war.
Als Roth und Weizenbeck ihre Verhaftungen durchführten, war der Putsch indes eigentlich schon zusammengebrochen – was folgte, waren letzte Zuckungen eines wahnwitzigen Unterfangens. Im Hauptquartier der Putschisten waren die eintreffenden Nachrichten im Laufe des 9. November nur mehr niederschmetternd – weder die Landespolizei noch die Reichswehr in ihren Kasernen waren zum Mitmachen zu bewegen.
Was die Putschisten nicht wussten: Das lag auch an entschlossener Gegenwehr. In der Wohnung der BVP-Landtagsabgeordneten Ellen Ammann in der Theresienstraße konnte der bayerische Kultusminister Franz Matt noch in der Nacht des 8. November wichtige Beamte alarmieren. Oft waren es Leute aus der zweiten Reihe wie etwa der von Reichswehr-Chef Hans von Seeckt ernannte neue Landeskommandant (anstelle Lossows) Kreß von Kressenstein oder der hohe Beamte im Innenministerium Josef Zetlmeier, die auf eigene Faust zum Gegenangriff übergingen. Zwischen drei und vier Uhr morgens zum Beispiel wurde der eben erst ernannte neue nationalsozialistische Polizeipräsident Wilhelm Frick von der Landespolizei verhaftet.
Zunächst erwogen die Putschisten, nach Rosenheim auszuweichen.. Diese Pläne zerschlugen sich. Es soll letztlich der Weltkriegs-General Ludendorff gewesen sein, der sich dann am Vormittag des 9. November entschloss, alles auf eine Karte zu setzen, und einen Marsch vom Bürgerbräukeller in Richtung Innenstadt zu unternehmen.
Was genau Ludendorff damit beabsichtigte, ist nicht klar. Er mag dabei den 8. November 1918 vor Augen gehabt haben, als Kurt Eisner und seine Anhänger von der Theresienwiese aus zu den Kasernen gezogen waren und so die Revolution in einem Überraschungs-Coup in Gang gesetzt hatten. Hitler nannte diese Parallele beim Putsch-Prozess 1924. Wohin konkret die Putschisten aber am 9. November 1923 losziehen sollten, wussten selbst ihre Anführer nicht so genau. Ludendorff schwebte wohl vor, im Kreis zu gehen, und zum Bürgerbräu zurückzukehren. Andere nannten das Wehrkreiskommando in der Ludwigstraße als Ziel. Oder sollte es darum gehen, andere Machtzentren in München zu besetzten? Die Polizei? Den Hauptbahnhof? Oder war das Ziel gar Berlin? Berlin, Sitz der demokratisch gewählten, von der angeblich „marxistischen“ SPD gestützten Reichsregierung und des Reichstag, der angebliche Hort allen Übels, den es auszurotten galt? Seit Mussolinis „Marsch nach Rom“ von 1922 war die Idee, analog dazu bis nach Berlin zu marschieren, unter der faschistischen Rechten nicht so abwegig, wie es heute scheint.
Das Feindbild „Berlin“ war damals weit verbreitet – bis ins konservative Bürgertum hinein. „Es heißt für uns nicht: Los von Berlin“, soll zum Beispiel der stellvertretende Generalstaatskommissar Hubert Friedrich Karl von und zu Aufseß gesagt haben. „Es heißt für uns: Auf nach Berlin. Wir sind seit zwei Monaten von Berlin in unerhörter Weise belogen worden.“ In Berlin, soll er hinzugefügt haben, sei alles „verebert“ (eine Anspielung auf Reichspräsident Ebert, SPD) und „versaut“.
Nachdem aber jetzt die engsten Verbündeten – Kahr, Seißer und Lossow – abgesprungen waren – war der Marsch auch eine Verzweiflungstat, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen und das Ruder herumzureißen.
Kurz nach 12 Uhr ging es los. In 16er-Reihen, vielleicht 2000 Mann stark, führte der Zug der Putschisten zunächst den Gasteig hinunter über die Ludwigsbrücke, wo sie auf das erste Hindernis stießen: An der Brücke waren 28 Mann Landespolizei stationiert. Zwar befahl der Zugführer der Polizei den Putschisten, stehen zu bleiben. Das geschah aber nicht. Stattdessen wurden die Polizisten von den Putschisten einfach überrannt und entwaffnet, beleidigt und angespuckt, dann verhaftet und in den Bürgerbräukeller geführt. Dort trafen sie auf die verhafteten Geiseln. Diese blieben, während die Putschisten losmarschierten, zum Großteil im Bürgerbräu und anderen Orten eingesperrt. Pläne, sie im Zug mitzuführen, wurden nicht umgesetzt.
Der Erfolg an der Ludwigsbrücke wiegte die Putschisten womöglich in falscher Sicherheit, als sie dann später am Odeonsplatz ebenfalls auf die Landespolizei trafen. Wenn sie die Polizisten einmal überwältigen konnten, mochte es auch beim zweiten Mal gelingen – ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte. Doch zunächst konnten die Putschisten zum Isartor und ins Tal weitermarschieren. Sie gingen auch am Sterneckerbräu vorbei, dem Parteilokal der NSDAP, und bahnten sich am Marienplatz den Weg durch die Menschen. Vermutlich auf Anweisung Ludendorffs bog der Zug dann in die Weinstraße ein.