Der Zauber der pausbäckigen Keramikkinder

von Redaktion

VON THOMAS TJIANG

Rödental/Bad Saulgau – Ein Blick hinter die Kulissen der oberfränkischen Hummel Manufaktur im Städtchen Rödental ist ein Blick auf eine große, aber vergangene Keramikgeschichte. Von hier gingen seit fast 90 Jahren die Hummelfiguren millionenfach in alle Welt hinaus. Davon zeugt noch heute das mächtige Werk am Stadtrand, das allerdings schon weitgehend anderweitig vermietet ist.

Prokuristin Doris Langold führt gleichwohl mit einem gewissen Stolz durch die verwinkelten Betriebsräume über mehrere Stockwerke: „Wir sind auch im Zeitalter der Automatisierung noch eine echte Manufaktur.“ Sie zeigt die wuchtigen Brennöfen, die nicht mehr auf Hochtouren laufen. Heutzutage verlassen noch gut 12 000 Hummelfiguren pro Jahr die Manufaktur. Zu Hochzeiten fertigten die Rödentaler Keramiker schon mal bis zu 100 000 Figuren.

Die pausbäckigen Keramik-Kinder gehen auf Zeichnungen von Berta Hummel (1909 –1946) zurück. Sie erblickte im niederbayerischen Massing das Licht der Welt und zeigte schon im Kindesalter ein ausgeprägtes schöpferisches Talent. Als 18-jährige Frau schrieb sie sich an der Akademie für Angewandte Kunst in München ein.

Vier Jahre später trat sie ins Franziskanerkloster Sießen in Württemberg ein. Nach ihrem Ordensgelübde übernahm sie als Maria Innocentia Hummel auch den Zeichenunterricht an einer vom Kloster geführten Schule. Dann entstanden Hunderte Zeichnungen von spielenden Kindern, die wiederum die Vorlage für die heutigen Keramikfiguren sind. Bereits die ersten Objekte im Jahr 1935 begründeten eine internationale Erfolgsgeschichte.

Aus dem umfassenden Bestand an Zeichnungen und Skizzen haben rund 600 den Weg in die Sammlerwelt der Hummelfiguren gefunden. Der Prozess für jede neue Figur ist streng reglementiert. Zunächst wird auf Grundlage einer Zeichnung ein Tonmodell geschaffen. Dieses wird mit dem Kloster Sießen und der Familie Hummel genauestens abgestimmt. Die Anmutung bleibt so, wie sie dem Alltag der damaligen Zeit entspricht. „Es ist ein Stück heile Welt“, beschreibt Langold ihre Hummeln.

Die Welt glücklicher und unbeschwerter Kinder wird nicht verwässert oder modernisiert, lautet das eherne Gesetz. Daher werden auch Bücher oder die damals noch obligatorische Schiefertafel nicht in die Gegenwart übersetzt. „Es wird nie passieren, dass ein Kind ein Smartphone in der Hand hält.“

Dabei sind auch für die Franziskanerschwestern moderne Kommunikationsmittel nicht tabu. Die Prokuristin berichtet von Sitzungen, in denen die Schwestern bei der Begutachtung durch ihre Laptops scrollen. Eine Farbtafel in der Manufaktur stellt sicher, dass die jeweiligen Farbtöne exakt gemischt werden.

Bei der Vorgängerfirma Goebel Porzellanmanufaktur arbeiteten vor 15 Jahren über 450 Mitarbeiter. Heute sind deutlich unter 50 Mitarbeiter beschäftigt. Dafür hat sich die Handarbeit in all den Jahren kaum verändert. Für den rollschuhfahrenden Jakob sind etwa 75 Arbeitsschritte notwendig.

Die „Hummeln“ entstehen aus Einzelteilen, die in präziser Handarbeit zusammengesetzt und sorgfältig verputzt werden. Nach dem ersten Brand bei 1140 Grad für Standfestigkeit, erfolgt der sogenannte Glasurbrand bei 1080 Grad. Dann entstehen mit kleinsten Pinseln oder Federn zunächst die Gesichter, dann Haut- und Haarfarbe sowie Kleidung. Nach dem dritten sogenannten Dekorbrand ist die Figur fertig. In der Manufaktur arbeiten Frauen, die teils vor über 40 Jahren eine Ausbildung zum längst verschwundenen Keram-Maler absolviert hatten. Zu den Highlights der Manufaktur zählt Langold die Blumenmadonna mit einem ganz besonderen Dekor. „Um die Blumen zu bemalen, ist jemand wochenlang beschäftigt.“ Das lässt sich auch am stolzen Preis von 1200 Euro ablesen.

Vor sechs Jahren musste die Manufaktur Insolvenz anmelden, hat sich aber neu aufgestellt und kam wieder auf die Beine. Die Pandemie hat die Hummel-Manufaktur nach eigenen Angaben gut überstanden. Auch für die wirtschaftliche Zukunft zeigt man sich zuversichtlich.

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