München/Kelheim – Wenn Georg Schneider an seine Uroma Mathilde denkt, muss er grinsen. Sie hatte nämlich einen unheimlich stacheligen Damenbart. Den musste der heute 58-Jährige als Bub dulden, wenn sie ihm ein Bussi gab. „Sie war liebevoll, aber auch streng“, erinnert er sich. Aber eben diesem Biss hat die Marke Schneider Weisse viel zu verdanken.
Die Brauerei sitzt heute in Kelheim, ist aber in München tief verwurzelt. Georg Schneider ist der sechste, der diesen Namen trägt. Im Weissen Bräuhaus sitzt er neben seinem Sohn, Georg VII. Sie schenken sich einen Aventinus ein. Immerhin beginnt am Mittwoch die Starkbierzeit. Vater und Sohn nippen an einem Stück Familiengeschichte. Uroma Mathilde hat diesen Weißbier-Doppelbock einst kreiert. 1907 ein absolutes Novum. Und bis heute stellen Brauereien sowas kaum her. Starkbier ja, aber eben kein obergäriges.
Im Weissen Bräu im Tal hat er seine Fans. Die „Aventinus-Buam“ trinken ihn das ganze Jahr über – seit 40 Jahren. In den USA, Australien und gut 30 weiteren Ländern ist er eine bayerische Spezialität. Er schmeckt weich, nach Dattel, Feige und reifer Banane – und trotzdem irgendwie spritzig. Aber die wohlige Wärme in der Brust ist tückisch – 8,2 Prozent Alkoholgehalt sorgen für Stimmung im Wirtshaus.
Weniger lustig war für Mathilde Schneider (1877–1972) das Jahr 1905. Ihr Mann Georg III. ist mit seinem Ruderboot auf dem Starnberger See unterwegs. Ein Unwetter zieht auf, der Brauerei-Chef wird pitschnass, verschleppt den Katarrh und stirbt. Sein wildes Leben endet nach nur 35 Jahren. „Vielleicht, weil er Protestant war“, soll die streng katholische Mathilde später gemutmaßt haben.
Gerade erst war der junge Unternehmer mit ihr und den drei Kindern umgezogen. Vom Münchner Tal, wo sich im ehemaligen Maderbräu und heutigem Weissen Bräuhaus schon damals Bräuhaus und Malzkeller befanden, in den Vorort Bogenhausen. „Das geschah auf Wunsch meiner Urgroßmutter“, sagt Georg VI. „Das Tal war damals nicht so, wie wir es heute kennen. Es war ein Glasscherbenviertel, ein offener Bach floss durch die Straße. Und sie wollte nicht, dass die Mäuse auf den Babybetten tanzen.“
Nach dem Tod ihres Mannes steht die 28-jährige Brauer-Witwe mit Söhnchen Georg IV. und den zwei Töchtern alleine da. Die zwei Krokodile, die ihr Mann, Orient-Fan und Sammler antiker Artefakte, daheim in der Wohnung gehalten hat, sind da noch ihre geringste Sorge.
Sein Vater und Großvater hatten die Brauerei 1872 aufgebaut, indem sie von den Wittelsbachern die Lizenz zum Weißbier-Brauen erwarben. Nun sinkt der Absatz rapide, Weißbier ist out. Mathilde muss die Brauerei unbedingt halten – per Gesetz darf sie sie aber nicht leiten.
„Sie war sehr willensstark und wollte keinen anderen heiraten. Also hat sie ihren Schwager zum Direktor bestimmt“, sagt Urenkel Georg. Ein kluger Schachzug. Fernab der Papiere führt die Witwe die Geschäfte. Als sie mit ihrer Idee vom ersten Weizenstarkbier den Betrieb retten will, ist es wieder eine Männerriege, die sie behindert.
Das brandneue Produkt soll Aventinus heißen. Nach der Brauerei-Adresse in der Aventinstraße, die nach dem Historiker Johannes Aventinus benannt ist. Der Brauerbund legt sein Veto ein: Ein Starkbier müsse nach einem Heiligen benannt werden. Vielleicht war die Beschwerde auch nur ein Vorwand, um das neumodische Gebräu gar nicht erst zur Konkurrenz werden zu lassen. Mathilde aber hält am Namen fest. Sie bittet den Pfarrer in der Bogenhausener Kirche Sankt Georg um Hilfe – und der recherchiert. Das Ergebnis: Tatsache, einer der sieben Hügel Roms ist nach dem eher unbekannten Heiligen Aventinus benannt. Der Brauerbund muss klein beigeben. Mathildes Innovation verkauft sich bestens.
„Heute ist der Aventinus mit 19 Medaillen das meistprämierte Bier beim European Beer Star“, erklärt Georg Schneider VII. Der 28-Jährige ist selbst Braumeister und sitzt seit einem Jahr mit im Geschäftsleitungskreis. „Das Besondere ist, dass es nach der ersten Standardgärung ein zweites Mal unter Zugabe kultivierter Hefe und frischer Brauwürze reift“, sagt er. „Damit man die Aromen schmecken kann, braucht man ein Glas mit bauchigem Volumenkörper.“
Die Faszination für das Bier ist auch der siebten Generation in die Wiege gelegt. „So ein Weißbier ist keine schnelle Weghalbe, es steht für eine Glaskultur im Wirtshaus“, sagt Georg VII. Er beschreitet auch selbst neue Wege. Etwa mit seinem Hellen, das er kürzlich eingeführt hat. „Davon musste ich meinen Vater 2021 erst überzeugen“, sagt er und lacht. Aber Innovation kann sich lohnen – das weiß er dank Ururoma Mathilde.
CORNELIA SCHRAMM