München – „Wehrt euch, leistet Widerstand gegen den Faschismus hier im Land.“ Das singen mehr als 75 000 Menschen am Sonntagabend auf der Theresienwiese bei der Veranstaltung „Lichtermeer“, so die erste Schätzung der Polizei. Die Veranstalter sprechen sogar von 300 000 Teilnehmern – darunter auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie alle wollen ein Zeichen gegen rechtsextreme politische Strömungen setzen. Die Aktion erinnert an die Lichterkette vor mehr als 30 Jahren.
Am Nikolaustag 1992 waren in München mehr als 400 000 Menschen mit Kerzen auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus und rechtsextreme Übergriffe zu demonstrieren. Während 92 die Kerzen dominierten, sind es diesmal bunte Lichterketten, die Leute unterschiedlichsten Alters umgehängt haben.
„Diesmal ist es ein Lichtermeer statt einer Lichterkette, damit man einerseits an die Lichterkette vor 32 Jahren erinnert und trotzdem etwas neues macht“, sagt Isabelle Maldener-Stolz (48). Es ist schon ihre vierte Demo gegen rechts seit Oktober: „Ich möchte, dass meine Kinder eine Zukunft haben.“ Wie ihr, geht es vielen hier. Doch während auf der Demo vor drei Wochen noch „Ganz München hasst die AfD“ gerufen wurde, schlagen die Veranstalter diesmal sanftere Töne an.
Auch die einzige Rednerin, Düzen Tekkal, spricht von einem Lichtermeer aus Liebe. Die 44-jährige Autorin und Fernsehjournalistin hat kurdisch-jesidische Wurzeln und setzt sich unter anderem in ihrer Arbeit mit den Opfern von Genoziden auseinander. „Wir brauchen noch einen langen Atem gegen Rechtsextremismus“, meint Tekkal. Die AfD sei im Auftrieb, man brauche jede Stimme dagegen, das sei „wie beim Wählen“. Sie wünsche sich eine Gesellschaft, in der es selbstverständlich sei, gegen den Faschismus zu sein, „da muss man nicht links, sein sondern nur Mensch“, sagt sie und betont, es gebe kein dunkles oder helles Deutschland, sondern nur ein Deutschland.
Über 100 Organisationen beteiligen sich an der Veranstaltung, darunter auch Bellevue de Monaco und der Verein Lichterkette. Einen Lacher landet Veranstaltungsleiter Luca Barakat mit dem Hinweis auf ein ehrenamtliches Team, an das man sich wenden könne, wenn es einem nicht gut gehe, oder „ihr extrem durstig seid oder Hunger habt“. Einen sanften Ausklang der Veranstaltung bietet Liedermacher Enno Bunger. Er singt unter anderem: „Kein Mensch startet einen Krieg, wenn jeder irgendjemand liebt.“ Dementsprechend sind auch die Reaktionen auf das Lichtermeer: „Ich fand die Veranstaltung super“, sagt Thomas Bonnet (55) „Die Inhalte waren treffender als auf der Demo am Odeonsplatz vor drei Wochen. Es war viel konkreter und friedlicher.“ Pia Spranz (53) ergänzt: „Ich fand die Veranstaltung richtig gut. Eine mitreißende, energiegeladene Rednerin und eine ausgewogene, abwägende Darstellung. Ein schönes Gefühl, Teil davon gewesen zu sein.“