München – Immer dienstags hat Helga Baubitz besonders gute Laune. Dienstag ist Kuchentratsch-Tag. Jede Woche setzt sich die 69-Jährige morgens in den Zug und fährt aus dem Allgäu nach München, um hemmungslos ihre große Leidenschaft auszuleben: backen. Baubitz bindet ihre rote Schürze zu, setzt ihre Brille auf und liest, was heute auf ihrer To-do-Liste steht: zwei Schokotorten, 24 kleine vegane Schokokuchen, zweimal Heidelbeer-Schmand – ihre Spezialität. Trotzdem sucht sie sich in einem dicken Ordner noch mal kurz das Rezept raus. Sind ja doch ein bisschen andere Mengen als die, mit denen sie es in ihrer eigenen Küche zu tun hat.
Während sie in Seelenruhe das Rezept durchliest, ist der Trubel um sie herum groß. Vier weitere Back-Omas und ein Back-Opa wiegen Butter und Mehl ab, zählen Eier, studieren Rezepte. Dabei wird viel gelacht. In dieser Backstube gibt es keine Hektik, dafür aber jede Menge Backerfahrung. Da ist zum Beispiel Opa Michi. Außerhalb der Backstube wird er Michael Rottenanger genannt. Der 68-Jährige backt für sein Leben gern – aber es gibt ein Problem: Seine Frau mag keinen Kuchen. Also hat sich der Maschinenschlosser mit 63 bei Kuchentratsch beworben. Natürlich wurde er genommen. Schon allein wegen seiner Karottenkuchen. „Die sind legendär“, sagt Susanne Engstle, Sprecherin von Kuchentratsch. Das findet nicht nur sie, sondern Menschen aus ganz Bayern. „Einige kommen bis aus Freising.“ Neulich saß sogar mal ein Kuchen-Liebhaber aus Südtirol im Café, weil er von den legendären Münchner Torten gehört hatte. Per Post verschickt werden die Kuchen inzwischen deutschlandweit.
Bei der großen Nachfrage gibt es natürlich viel zu tun. Rund 50 Omas und Opas arbeiten in der Backstube. Die meisten als Bäcker, einige als Lieferfahrer, einige als Spüler. Alle sind auf Mini-Job-Basis angestellt. Für einige ist das Backen nicht nur Vergnügen. „München ist teuer, sie sind darauf angewiesen, ihre Rente etwas aufzubessern.“ Andere stecken das Geld, das sie hier verdienen, in die Spardosen ihrer Enkel. Sie kommen aus purer Liebe zum Backen einmal die Woche hierher.
Hier in der Backstube, in die die Café-Gäste durch Glasscheiben freien Blick haben, geht es zu wie bei vielen Omas und Opas in der Küche. In jedem Rezept steckt eine große Portion Liebe, in jedem Handgriff unendliche Ruhe. Selbst, wenn 7,5 Kilo Butter mit 30 Eiern vermengt werden müssen. Das ist heute Opa Michis Job. Er produziert 30 Kilo Mürbteig für die Kuchen der Omas. Da sind Oberarmmuskeln gefragt. Die hat der 68-Jährige natürlich längst.
Während die Rührmaschine den Teig knetet, hat Opa Michi Zeit für einen Tratsch mit Liefer-Opa Norbert. Der 69-Jährige war als Student Taxifahrer, dann sein Leben lang mit Software beschäftigt, heute fährt er Kuchen durch München. „Wer Kuchen bringt, ist überall willkommen“, sagt er mit einem Lächeln, während er die Liste der Bestellungen durchgeht. Eine Geburtstagstorte ist heute dabei. Norbert Lemster lädt sieben Torten in den Lieferwagen. Dann geht die Tour los. Er ist seit fünf Jahren für Kuchentratsch unterwegs. „Ich habe noch nicht einen Strafzettel kassiert.“
Gegründet haben Kuchentratsch 2014 zwei BWL-Studentinnen. Es sollte ein Start-up gegen die Einsamkeit von Senioren werden – und wurde eine riesige Erfolgsgeschichte. Die beiden mussten bald nach einer größeren Backstube suchen, kombinierten das mit dem Traum von einem Kuchentratsch-Café. Gerade als es in dem neuen Laden an der Theresienhöhe so richtig losgehen konnte, kam die Pandemie. Die Omas und Opas galten als Risikogruppe. „Wir haben versucht, uns mit dem Verkauf von Backmischungen zu retten“, berichtet Engstle. Doch im Juli 2022 musste Kuchentratsch Insolvenz anmelden. Die Rettung kam nach zwei Monaten: Die Höflinger-Müller-Gruppe stieg als Partner ein. In vielen ihrer Filialen werden heute die Opa- oder Oma-Kuchen verkauft. Und im Café an der Theresienhöhe bildet sich an der Kuchentheke nun wieder täglich eine lange Kundenschlange.
Helga Baubitz und die anderen Senioren sind froh, dass ihre Backstube gerettet ist. Hier sind nicht nur die leckersten Kuchen entstanden – sondern auch Freundschaften. „Und wir lernen alle gegenseitig voneinander.“ Heute kommen ihre Tochter und ihr Enkel Alvaro zu einem Überraschungsbesuch vorbei. Natürlich darf der Dreijährige den Marmorkuchen testen. Glücklich lacht er mit einem Schoko-Mund. Schmeckt wie zu Hause bei Oma.