Kritik an Gerlachs virtueller Kinderklinik

von Redaktion

Grüne: „Ankündigung alleine bringt nichts“ – Ausbau im Herbst geplant

VON SEBASTIAN HORSCH

München – Wenn die Grippe und andere Infektionskrankheiten wieder verstärkt durch Bayern ziehen, werden die Probleme schnell deutlich, unter denen auch die mehr als 40 Kinderkliniken im Freistaat leiden. Nicht nur mehr Kinder werden krank, auch die oft ohnehin dünne Personaldecke wird noch löchriger. Immer wieder müssen kleine Patienten deshalb verlegt werden, teilweise durch halb Bayern. Und selbst dabei gibt es Engpässe – gerade in kritischen Fällen, beklagt Matthias Keller, ärztlicher Direktor der Kinderklinik Dritter Orden in Passau. „Oftmals finden wir keine Notärzte, die diese Kinder transportieren.“

Um trotz des Fachkräftemangels eine bestmögliche Versorgung kranker Kinder sicherzustellen, hat Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) im Dezember den Startschuss für die virtuelle Kinderklinik gegeben, die bei der Suche nach freien Klinikbetten für Kinder helfen soll. Das Projekt sei „sehr gut angelaufen“, sagt Gerlach nun unserer Zeitung. „Über 90 Prozent der pädiatrischen Kapazitäten in Bayern sind bereits an diese Kommunikationsplattform angeschlossen.“ Annähernd alle Kinderkrankenhäuser hätten mittlerweile darüber hinaus ihre Teilnahme zugesagt.

Den Grünen ist das aber zu wenig. „Die Ankündigung des Projekts durch die Staatsregierung alleine bringt noch nichts“, sagt Haushaltspolitikerin Claudia Köhler unserer Zeitung. Denn viel mehr sei das in seiner bisherigen Ausgestaltung nicht.

Die Grünen hatten vor rund einem Jahr selbst einen Antrag für den Aufbau eines telemedizinischen Netzwerks für Kinderintensiv- und Notfallmedizin in den Landtag eingebracht – drei Millionen Euro hatten sie dafür veranschlagt. Der Gedanke: Experten an verschiedenen Kliniken könnten sich gegenseitig telemedizinisch unterstützen, auch eine Art virtuelle Visite sei denkbar. Die Regierungsfraktionen lehnten angesichts eigener Pläne ab.

Sie habe sich gefreut, als der damalige Gesundheitsminister und heutige CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek dann im Sommer einen Scheck über 360 000 Euro an die Universität Passau als Projektträgerin überreicht habe, sagt Köhler. Doch: „Eine Anfrage zum Plenum ergab nun, dass die eh schon niedrige Summe auf vier Jahre verteilt wird“, teilt die Landtagsabgeordnete unserer Zeitung mit. „Der Scheck ist eigentlich gar kein Scheck, wenn sich die Zuschüsse auf vier Jahre verteilen. Oder er ist nur zu einem Viertel gedeckt, könnte man sagen“, spöttelt Köhler. Es brauche deutlich mehr Anstrengungen. Das Gesundheitsministerium weist darauf hin, dass auch Investitionskosten der teilnehmenden Kinderkliniken über das Sonderförderprogramm Pädiatrie finanziert würden – in Höhe von insgesamt rund 2,1 Millionen Euro.

Die Kritik der Grünen begrenzt sich nicht auf die Finanzen. Auch dass es sich beim virtuellen Kinderkrankenhaus in Bayern zunächst „lediglich um ein digitales Belegungssystem“ handle, sei nicht ausreichend, sagt Köhler. „Es geht um Verknüpfung mit dem medizinischen Personal und das Know-how“, das kleine Patienten erreichen müsse. Ministerin Gerlach kündigt auf Nachfrage unserer Zeitung an, dass das Netzwerk weiter ausgebaut werden solle. Schon im Herbst 2024 „sollen erste telemedizinische Konsultationen zwischen den behandelnden Ärzten und Spezialisten in anderen Kliniken möglich sein“. Davon werde insbesondere der ländliche Raum profitieren. Losgehen solle es dann mit dem „wichtigen Bereich der Kinderintensivmedizin“, stellt Gerlach in Aussicht.

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