NACHGEFRAGT

„Noten sind unpädagogisch“

von Redaktion

Heute gibt es Zwischenzeugnisse – sofern die Schule nicht als Alternative Lernentwicklungsgespräche anbietet. Martin Schmid ist Vorsitzender des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband (MLLV). Für ihn sind die Zeugnisse verzichtbar.

Warum sind Zwischenzeugnisse nicht zeitgemäß?

Im Prinzip sind Noten unpädagogische und unscharfe Bewertungen. Wir fordern einen ganzheitlichen Blick, der durch Noten nicht möglich ist. Im Endeffekt geht es um ein Sortieren der Schüler. Das lehnen wir ab.

Lernentwicklungsgespräche sind für Sie sinnvoller?

Es ist zumindest mal ein guter Ansatz. Es ist gut, dass der Schüler dabei ist, dass man ihn oder sie miteinbezieht. Ich finde es gut, dass in diesen Gesprächen auch Defizite bei den Eltern an die Oberfläche geraten können. Ich finde auch die Zielvereinbarungen gut, die sich ja überprüfen lassen.

Dennoch sind die Noten nun mal Fakt. Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn ihr Sohn am Gymnasium 6. Klasse zwei Fünfer und einen Sechser in den Kernfächern Mathe, Deutsch und Englisch heimbringt?

Solche Noten sind extrem demotivierend. Wichtig wäre es, dass sich die betreffenden Lehrer, der Schüler, aber auch die Eltern zusammensetzen und nach den Ursachen suchen. Die Eltern würde ich da auch nicht ausnehmen. Jeder kehrt ungern vor der eigenen Haustür, natürlich kann es auch an zu wenig Förderung durch die Eltern liegen. Schule übernimmt sowieso viele Aufgaben, die eigentlich Elternsache wären.

An den Grundschulen sollen als Reaktion auf die schlechten Pisa-Ergebnisse Deutsch und Mathe gestärkt werden und Englisch wegfallen. Richtige Maßnahme?

Nein. Englisch an der Grundschule wird unterschätzt. Es steigert die kommunikative Handlungsfähigkeit. Es unterstützt Aussprachefähigkeit und Intonation – beides ist Voraussetzung für ein gutes Sprache-Lernen, egal welche Fremdsprache es dann wird. Man bekommt einen Zugang zu einer anderen Kultur. Weniger Englisch ist nicht die Lösung für mehr Deutsch. Die jetzt geführte Diskussion ist uns letztlich vom Philologenverband aufs Auge gedrückt worden. Dort herrscht die Meinung vor, das, was die Grundschüler an Englisch lernen, lernen sie bei uns in sechs wochen. Aber die Grundschule ist nicht der Zulieferbetrieb fürs Gymnasium.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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