Die Stimmung war aufgeladen bei der Bürgerversammlung in Warngau (Landkreis Miesbach), als über die geplante Unterkunft für 500 Flüchtlinge diskutiert wurde. Aber nicht alle wurden laut, einige Bürger verfolgten die Redebeiträge und Pfiffe mit Entsetzen. Vor Kurzem gründeten sie die Initiative „Warngau ist menschlich“. Hajo Netzer (68) lebt seit 40 Jahren in Warngau und hat sich der Initiative angeschlossen. Er berichtet, was das Ziel ist.
Was ist Ihnen während der Bürgerversammlung in Warngau im Februar durch den Kopf gegangen?
Ich war fassungslos. Von der ersten Minute an war die Stimmung aggressiv. Es waren viele Auswärtige dort, die den Ton gesetzt haben. Mich hat aber erschreckt, dass sich so viele Warngauer angeschlossen haben.
Hinter der Wut stecken Ängste. Können Sie die nachvollziehen?
Natürlich, niemand in Warngau ist glücklich über diese große Unterkunft. 500 Flüchtlinge in einem kleinen Dorf – so kann Integration nicht gelingen. Aber wir müssen realistisch sein, die Unterkunft wird kommen. Also ist die Frage, wie wir damit umgehen.
Was ist das Ziel Ihrer Initiative?
Bis jetzt haben sich in unserer Chat-Gruppe 150 Bürger zusammengeschlossen. Wir wollen eine sachliche Diskussion, die Emotionen müssen runtergefahren werden. Wir müssen es schaffen, in der Gemeinde wieder miteinander zu reden. Wir dürfen uns nicht von rechten Gruppen außerhalb Warngaus instrumentalisieren lassen. Es sind auch viele persönliche Beleidigungen gefallen, auch gegen Gemeinderäte. So darf es nicht weitergehen.
Was wollen Sie dagegen unternehmen?
Am Donnerstag treffen wir uns zu einem Gespräch mit dem Bürgermeister. Auch mit Gemeinderäten wollen wir reden. Es sollte ein moderierendes Gespräch zwischen beiden Seiten geben, damit wir wieder sachlich diskutieren können. Auch mit dem Integrationsbeauftragten des Landkreises haben wir Kontakt aufgenommen. Wir möchten wissen, welche Unterstützung es geben wird. Kein Helferkreis kann 500 Geflüchtete betreuen.
Welche Reaktionen gab es, seit sich Ihre Initiative gegründet hat?
Natürlich ist das mit großem Argwohn beobachtet worden. Es gab kritische Stimmen. Aber ich weiß, dass die Bürgerversammlung viele Menschen in unserem Dorf sehr geschockt hat. Was an diesem Abend passiert ist, war wirklich unterirdisch. Landrat, Bürgermeister und Gemeinderäte wurden ausgepfiffen und beschimpft. Ich fürchte, dass die Stimmung bei der Bürgerversammlung in Holzkirchen heute Abend ähnlich aufgeladen sein wird.
Werden Vertreter Ihrer Initiative in Holzkirchen vor Ort sein?
Ja, in den Saal dürfen ja nur Holzkirchner. Das könnte die Stimmung vielleicht beruhigen. Ich denke aber, viel wird sich auf den Platz davor verlagern. Das Bündnis „Holzkirchen ist bunt“ bittet um Teilnahme. Auch wir wollen dort Präsenz zeigen und versuchen, für Menschlichkeit und respektvolles Miteinander zu werben.
Interview: Katrin Woitsch