Das wilde Leben des Blüten-Rembrandts

von Redaktion

VON KATRIN WOITSCH

München – Günter Hopfinger war kein Mann, der mit großem Selbstbewusstsein durchs Leben ging. Aber einmal wollte er’s wissen. Er steht in der Kaufingerstraße in München, in der Tasche einen Tausend-Mark-Schein, den er in unfassbarer Detailarbeit gemalt hat. Es ist nicht sein erster – aber diesmal ist er ihm so gut gelungen, dass er’s drauf ankommen lassen will. Er geht ins Augustiner, bestellt sich ein Bier. Als er bezahlt, reicht er dem Kellner den Schein mit einem Lächeln und sagt: „Den hab ich mir selbst gestrickt.“ Der Kellner lächelt zurück und gibt ihm rund 995 Mark Wechselgeld raus. Wie hätte er auch ahnen können, dass der unscheinbare Mann mit dem Schnauzer und den wilden Locken Deutschlands wohl bester Geldfälscher ist.

„Ich hatte Blut geleckt“, erzählte Hopfinger viele Jahre später in einer BR-Doku. Mit dem nächsten gemalten Tausender kaufte er ein paar Socken. Wieder bemerkte keiner, dass es sich um keinen echten Schein handelte. „Ich hatte eine Technik“, erzählte er. Die Scheine zog er immer aus einem Sparbuch – sodass alle dachten, er hätte sie gerade von der Bank geholt. Jahrelang reiste Hopfinger durch Deutschland und perfektionierte seine Kunst. Rund sieben Stunden malte er mit hauchdünnen Linien an einem Schein – die Fälscherutensilien kaufte er im Zeitungskiosk um die Ecke. Schon bald wurde die Kriminalpolizei auf die gefälschten Tausender aufmerksam. Nach und nach kam sie Hopfinger auf die Spur. Bis er 1976 in einer Telefonzelle verhaftet wurde. Gejagt hatte ihn Ermittler Eduard Liedgens aus Isen. „Hopfinger war ein Genie“, sagte er noch Jahre später. Mit seinem Talent hätte er ein großer Künstler werden können – wäre er nicht vom richtigen Weg abgekommen. So ging er als Blüten-Rembrandt in die Kriminalgeschichte ein.

Hella Helms kannte Günter Hopfinger wie kaum jemand anderes. Sie war 40 Jahre mit ihm befreundet. Kennengelernt hatte sie ihn erst, als er nach knapp drei Jahren Haft aus dem Gefängnis freikam. „Er hat mir seine Lebensgeschichte anvertraut“, erzählt sie. Hopfingers Mutter hatte ihn kurz nach der Geburt an die Großeltern abgegeben, die gaben ihn an eine Pflegefamilie weiter. Dort hatte er eine harte Kindheit – mit Schlägen und kalten Nächten im Kuhstall. „Mein Lebensweg war vorprogrammiert“, sagte Hopfinger oft zu Hella Helm. Er lernte während seiner Lehre zum Tiefdrucksätzer die falschen Leute kennen, fälschte für sie Autoplaketten und landete für ein Jahr im Gefängnis. Dort arbeitete er in der Bücherei. Zufällig vertiefte er sich in ein Buch über die Banknotenerstellung und begann, die Noten nachzumalen. „Es war ja viel Zeit“, sagte er. Schon im Gefängnis flog er auf, die Haft wurde verlängert. Doch die Faszination für Geldscheine hat er sein Leben lang nicht mehr verloren. „Sie waren für ihn nicht materiell, sondern viel mehr künstlerisch interessant“, sagt Helms.

Auch die alten Meister malte er nach – von Picasso bis Dürer, er konnte alles kopieren. Einmal sagte Hopfinger zu seiner Freundin, er habe seine Identität bei anderen Künstlern gesucht, weil er sie für sich selbst nie gefunden hatte. Die Einsamkeit war ein treuer Begleiter in seinem Leben, das prägte ihn. Er litt unter Depressionen, wurde alkoholabhängig. Hella Helms konnte seine Stimmungsschwankungen immer ertragen. „Ich wusste ja, wo sie herkommen“, sagt sie.

Die letzten Jahre ging es Hopfinger nicht gut, er litt nach einer Halswirbel-OP unter starken Schmerzen. „Jeden Morgen rief er mich um 7.30 Uhr an“, erzählt Helms. Ihre Freundschaft überlebte alle Tiefen. Am Valentinstag besuchte die 83-Jährige ihn ein letztes Mal – ohne zu wissen, dass es ein endgültiger Abschied werden würde. Am Tag danach starb Günter Hopfinger allein in seiner Münchner Wohnung. Er wurde 73 Jahre alt. Ein paar Exemplare seiner gemalten Tausender gibt es noch. Sie sind mittlerweile rund 20 000 Euro wert.

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