Lehrer warnen vor frühem Tablet-Unterricht

von Redaktion

VON DIRK WALTER

München – Alle Schüler der weiterführenden Schulen mit digitalen Endgeräten auszustatten, war erklärtes Ziel von Ex-Kultusminister Michael Piazolo (FW). Seine Nachfolgerin Anna Stolz (FW) setzt diesen Plan jetzt um. Ab dem nächsten Schuljahr soll es losgehen. „Sukzessive“ werden Schüler der Mittel-, Real- und Wirtschaftsschulen sowie Gymnasien Tablets bekommen. Den Schulen bleibt dabei selbst überlassen, „mit welchen Klassen sie in 1:1-Ausstattung starten“, wie eine Ministeriumssprecherin sagte. Schulen ohne Erfahrung mit Digitalunterricht wird empfohlen, mit den oberen Jahrgängen einzusteigen. Die Eltern erhalten maximal 350 Euro Zuschuss – ist das Gerät teurer, müssen sie den Rest selbst bezahlen.

Der Philologenverband warnt, gestützt auf eine Umfrage, vor einer zu frühen Digitalisierung der Schulen. „Stift und Buch, Papier und Heft, schreiben statt tippen und wischen“, so fasste es Philologenverbandschef Michael Schwägerl zusammen. 89 Prozent der befragten 3500 Lehrkräfte seien für ein „verstärktes analoges Lernen statt allumfassender Digitalisierung“.

Das „Ablenkungspotenzial“ sei einfach zu hoch, warnte die Lehrerin Prisca Hagel, die Englisch und Italienisch am Holbein-Gymnasium Augsburg unterrichtet. „Nicht alle Schüler sind in der Lage, zu trennen.“ Häufig werde die Nutzung von Tablets im Unterricht von deren Nutzung für private Zwecke überlagert.

Der Philologenverband zieht daraus den Schluss, dass eine deutliche Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer bei der Digitalisierung „auf die Bremse“ tritt. Eine flächendeckende Ausstattung der Schüler sollte daher erst in der Mittelstufe, also ab der 8. Klasse, angestrebt werden.

Der Verband folgt damit auch Experten wie etwa dem Professor für Schulpädagogik an der Uni Augsburg, Klaus Zierer, der erst am Wochenende in unserer Zeitung vor zu viel Digitalisierung gewarnt hatte. „Mit mehr Tablets im Unterricht mehr Qualität zu erreichen, mag aus politischer Sicht fortschrittlich wirken, aus pädagogischer Sicht ist es naiv.“ Er wünsche sich, dass Tablets gezielt eingesetzt werden, so Zierer gestern zu unserer Zeitung. Man dürfe nicht dem „Primat der Technik“ nachgeben. Es komme auf „curriculare Begleitung“ an.

Zudem wünscht sich der Philologenverband mehr Rechtssicherheit bei der anwendung von KI. Schulen dürfen derzeit das Programm ChatGPT aus Gründen des Datenschutzes nicht benutzen, sagte Marco Korn, Schulleiter am Friedrich-Koenig-Gymnasium Würzburg. Andere Plattformen kosten jedoch Geld – da müsse auch geklärt werden, wer die Kosten übernehme.

Zudem sehen sich die Lehrer mit der Frage konfrontiert, wie sie erkennen können, ob Schüler Seminararbeiten oder Aufsätze zu Hause mit einer KI erstellen. Immerhin: Ein erstes Urteil des Verwaltungsgerichts München könnte Schülern vor Augen führen, was passieren kann, wenn sie von KI-erstellte Texte einfach abschreiben. Das Gericht gab im November vergangenen Jahres der TU München Recht. Sie hatte einen Studenten im Wintersemester 2023/24 die Zulassung zum Masterstudium verweigert, weil sein als Bewerbung eingereichter Englisch-Essay zu 45 Prozent von einer KI wie ChatGPT erstellt worden sei.

Die beiden Prüfer waren misstrauisch geworden, weil der Essay „in Bezug auf Struktur, inhaltliche Dichte und Fehlerfreiheit bei Wortwahl, Rechtschreibung und Zeichensetzung“ perfekt war – zu perfekt für einen Bachelor-Absolventen. Daraufhin gaben sie die Aufgabe selbst in ChatGPT ein. „Eine erhebliche Verletzung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis“ liege vor, urteilte das Gericht.

Artikel 2 von 6