Trostberg – Evi Heigermoser und ihr Mann Markus sind in Trostberg aufgewachsen, schon als Kinder waren sie im Trachtenverein. Sie haben in Tracht geheiratet, „nicht im Dirndl“, sagt die 39-Jährige, sondern in der schwarzen Röckitracht. Sie war Schriftführerin, ihr Mann Vorstand und Jugendleiter. „Wir haben das gelebt.“ Aber die Familie ist aus dem Trachtenverein ausgetreten. Vater, Mutter, alle vier Kinder, die Oma. Der Grund: die Haare der Söhne Simon (5) und Anton (15).
Die zwei Buben haben blonde, längere Haare. Der ältere, genannt Done, ist ein talentierter Plattler, bei Wettbewerben hat er oft den ersten Platz gemacht – allerdings hatte er damals noch kurze Haare. Seit er sie nackenlang trug, sagt seine Mama, bekam er dafür Punktabzug – und belegte im Oktober 2023 nur den fünften Platz. „Und das, obwohl wir ihm die Haare geflochten und mit Nadeln unter dem Hut festgesteckt haben, damit sie nicht über die Ohren hängen“, sagt Evi Heigermoser. Das schreibt die Satzung vor und daran haben sie sich immer gehalten. Doch das hat offenbar nicht gereicht.
Um die Platzierung ging es ihrer Familie nie, aber um die Ungerechtigkeit. Und um die seltsamen Sprüche. „Ständig hat jemand zu ihm gesagt, wie kommst du daher, so gschlampert, das geht nicht, das schaut scheiße aus“, erzählt die gelernte Krankenschwester. Der 15-Jährige hat auf Teenager-Art reagiert: Nach dem fünften Platz im Oktober ging er an den Preisrichtern vorbei, die gerade bei der Brotzeit saßen, nahm seinen Hut ab und schüttelte einmal herzhaft seine Haarpracht. Aber auch der kleine Bruder, genannt Simmerl, musste sich Kommentare gefallen lassen. „Der hat gar nicht verstanden, was er falsch gemacht haben soll“, sagt Evi Heigermoser. Sie bringt ihren Kindern bei, dass Äußerlichkeiten nicht zählen. Und dann kam der Eklat auf der Jahreshauptversammlung im Januar.
Als es um den Tagesordnungspunkt „Wünsche und Anträge“ ging, erhob sich ein Ehrenmitglied und forderte Heigermosers auf, den Buben die Haare zu schneiden. „Ich habe aus allen Ecken zustimmende Worte gehört“, erinnert sich Evi Heigermoser. Auf ihren Einwand, dass in der Vereinssatzung nirgendwo steht, dass lange Haare verboten seien, habe sie als Antwort bekommen, dass auch nirgendwo stehe, dass sie erlaubt seien. „Ich habe erwidert, dass meine Kinder es sich dann ja aussuchen können“, erzählt die 39-Jährige. Die Antwort sei eine Frage gewesen: Ob man denn jetzt „schon bei den Diversen“ sei. Evi Heigermoser rauschte wütend aus dem Saal und knallte die Tür zu. Am nächsten Tag kündigte sie.
Die Verachtung von allem, was ein wenig anders ist – das ist es, was die Trostbergerin so stört. Als ein Pfarrer auf einem Gaufest einmal vor tausenden Menschen gegen Schwule und Lesben geschimpft habe, „da wurde mir ganz schlecht“, sagt sie. Oder dass ihr in der Schwangerschaft verboten wurde, beim Umzug mitzulaufen, weil sie nicht in den vorgeschriebenen Rock gepasst hat: „Das hat mir keine Ruhe gelassen.“ Die Sache mit den Haaren war jetzt einfach zu viel. Der Große, der früher bei Auftritten immer eingesprungen ist, wenn zu wenig Leute da waren, spielt jetzt mehr Eishockey. Der Kleine war traurig, als er seine Lederhose zurückgeben musste. Aber seine Haare will er auf keinen Fall abschneiden.
Der Trostberger Trachtenverein war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, in einem Bericht des BR wurde ein Kommentar abgelehnt. Darin wird der zuständige Gauvorstand Michael Hauser zitiert, der für unsere Zeitung ebenfalls nicht erreichbar war: Die langhaarigen Buben dürften natürlich weiter mitmachen, doch den Punktabzug beim Preisplattln müssten sie akzeptieren.
Es gibt in Trachtenvereinen immer wieder Auseinandersetzungen wegen Äußerlichkeiten. Ende 2022 wollten drei Plattlerkinder beim Gaujugendsingen in Farchant (Kreis Garmisch-Partenkirchen) auftreten. Wochenlang übten sie. Dann eine Absage: Weil ihre Gesangslehrerin kurze Haare hat, dürfe sie nicht auf die Bühne, das entspreche nicht der Satzung der Oberländer Trachtenvereinigung. Sie hätte eine Perücke aufsetzen können, aber weil sie das nicht wollte, bekam die Gruppe Auftrittsverbot.
Von dieser Geschichte hatte auch Erich Tahedl gehört, stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Trachtenverbands mit 165 000 Mitgliedern. „Das ging mir persönlich zu weit“, sagt Tahedl aus Regensburg. Er sagt aber auch, dass jeder Gauverband seine eigenen Regeln festlegt und der Verband sich nicht einmischen kann. Die Regeln seien zum Teil vor vielen Jahrzehnten, aber eben demokratisch festgelegt worden. Er hält sich für liberal und sagt: „,Das war schon immer so‘ ist kein Spruch für einen Trachtler. Da hat er das System der Tracht nicht verstanden.“ Das sieht Alexander Karl Wandinger, Trachtenexperte des Bezirks Oberbayern, ähnlich. „Es ist wichtig, die Bedeutung von Tracht immer wieder neu zu verhandeln“, sagt er. „Ein Bub oder Mann mit langen Haaren ist ja heute etwas vollkommen Normales.“ Bis etwa 1850 waren Männer mit langen Haaren und kurzen Lederhosen keine ungewöhnliche Erscheinung. Dass ein Trachtenverein Regeln aufstelle, sei nachvollziehbar. Aber die sollten nicht aufgeladen werden mit einengenden Moralvorstellungen. „Die echte, richtige Tracht gibt es nicht“, sagt Wandinger.
Familie Heigermoser hat sich nach einem neuen Trachtenverein umgeschaut, damit die Buben wieder platteln können. Aber einfach ist das nicht. „Man wechselt den Trachtenverein nur, wenn man heiratet und der Partner in einem anderen ist“, sagt Evi Heigermoser. Als eine Bekannte in ihrem Verein nachgefragt hat, bekam sie ein Lachen als Antwort. „Als ob sie einen Witz erzählt hätte“, sagt Evi Heigermoser ein wenig bitter. Vielleicht fahren sie bald nach München zu den „Schwuhplattlern“, die auch homosexuelle Mitglieder haben. „Bei denen ist nämlich jeder willkommen.“