München – Immer mehr Krankenhäuser in Bayern arbeiten defizitär. 2022 waren es noch sechs von zehn, dieses Jahr werden es nach den Prognosen acht von zehn Kliniken sein. 40 Kliniken in Deutschland mussten vergangenes Jahr Insolvenz anmelden. „Dieses Jahr werden es doppelt so viele sein“, prognostiziert Tamara Bischof, Vorsitzende der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), und fügt hinzu: „Der strukturelle Kollaps steht unmittelbar bevor.“
Die Kliniken warten auf die umfassende Krankenhausreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Doch die stockt. Wichtige Fragen wie die Leistungsgruppen-Vorgaben sollen erst 2025 zwischen Bund und Ländern ausverhandelt werden. Ein Transformationsfonds ist erst für 2026 angekündigt, die Reform werde nicht vor 2027 wirken. Und die Kliniken fürchten bis dahin nicht nur mehr Klinikinsolvenzen, sondern auch Leistungskürzungen und Proteste der Bürger.
Das Betriebskostendefizit ist laut aktuellem Bayerischen Krankenhaustrend die größte Sorge der Kliniken – gefolgt von Bürokratie und Fachkräftemangel. BKG-Geschäftsführer Roland Engehausen kritisierte gestern in München, dass nicht transparent ist, wie Lauterbach mit seiner Reform die bedrohten Kliniken retten will. Er forderte mehr Klarheit und ein weniger kompliziertes System. Lauterbachs Reform sei nicht nur ein Bürokratiewahnsinn, sondern auch ein Experiment, für das es keine Auswertungsanalysen gebe. „Wir brauchen eine einfache Reform“, betonte Engehausen. „Abwarten ist keine Option. Wir müssen den Strukturwandel anpacken.“
In einigen Häusern passiert das längst – zum Beispiel im Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge. Dort wird die Klinik an den beiden Standorten Marktredwitz und Selb als kommunales Unternehmen geführt. „In den letzten Jahren haben wir erhebliche Defizite erwirtschaftet“, berichtet Oberbürgermeister Oliver Weigel. Deshalb werden nun die stationären und die ambulanten Leistungen gebündelt.“ In Selb werde man sich künftig ganz auf die ambulante Versorgung konzentrieren, dort werden 115 Betten wegfallen und die Notaufnahme geschlossen. „Die Menschen vor Ort haben wir in unsere Entscheidung frühzeitig eingebunden“, berichtet Weigel.
Die Kliniken bräuchten mehr Erlöse pro Behandlungsfall, um die Inflation auszugleichen, betonte Engehausen. Außerdem müsste die Zahl der vermeidbaren Behandlungen reduziert werden. Die BKG-Vorsitzende Tamara Bischof hat ein Beispiel. Sie ist auch Landrätin in Kitzingen. Dort seien die Notaufnahmen immer voll, berichtet sie. „Aber der Großteil der Patienten müsste nicht in der Notaufnahme behandelt werden.“ KATRIN WOITSCH