Natalia Aleksieieva beim Blumenpflücken in Garching.
Natalia Aleksieieva ist am 7. März 2022 aus Odessa nach München geflüchtet. Sie hat in München eine Wohnung und einen Job gefunden. In ihrer Kolumne berichtet die 27-Jährige über ihr neues Leben in Bayern – und über die Nachrichten aus ihrer ukrainischen Heimat. Ihre Texte schreibt sie auf Deutsch.
Vor zwei Jahren und zwei Monaten bin ich aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. In dieser Zeit hat sich in meinem Leben hier so viel verändert. Doch in der Ukraine ist alles genau so geblieben wie vorher. Jeden Tag wird mein Land massiv bombardiert. Allein in diesem April setzten russische Terroristen mehr als 300 Raketen, fast 300 Drohnen und mehr als 3200 Lenkbomben gegen die Ukraine ein. Wenn ich den Deutschen erzähle, dass ich zehn Jahre in Odessa gelebt habe, sagen fast alle sofort, dass sie von dieser Stadt gehört haben. Aber nicht wegen der herausragenden Architektur und ihrer Kulturdenkmäler, sondern wegen der neuesten Nachrichten über die brutalen Raketenangriffe. Diese Nachrichten begleiteten mich überall: auf Bildschirmen in der U-Bahn oder bei der Arbeit im Hotel. Ich bin so weit weg von zu Hause und gleichzeitig so nah.
Während das Leben in der Ukraine immer unerträglicher wird, ist in Deutschland jeder Tag ein wahres Glück, voller freudiger Ereignisse und kleiner Wunder. Anfang Mai wechselte ich das Hotel, in dem ich arbeite, und wurde befördert. An meinem letzten Arbeitstag im Hilton umarmte mich meine Managerin und sagte: „Ich danke dir und anderen Kolleginnen aus der Ukraine. Ihr gebt mir Hoffnung. Wenn es mir schlecht geht, denke ich an euch. Immer lächelt ihr am Empfang, obwohl ich weiß, dass euch manchmal nicht zum Lächeln zumute ist. Und dann scheinen meine eigenen Probleme unwichtig zu sein.“ Wir beide hatten Tränen in den Augen. Diese Worte werde ich nie vergessen. Eine weitere gute Nachricht ist, dass mein Vater mich im Juni besuchen wird. Er ist 60 Jahre alt geworden und kann nun die Grenze überqueren. Ich freue mich wirklich schon sehr darauf und erstelle eine riesige Liste davon, was ich ihm in München zeigen möchte. Gleichzeitig befürchte ich, dass etwas schiefgehen könnte und er nicht kommen kann. Ich habe meinen Vater seit über zwei Jahren nicht gesehen.
Es ist ein halbes Jahr her, seit ich von München nach Garching gezogen bin. Auch hier passieren Ereignisse, die mir das Herz höherschlagen lassen: Der deutsche Optiker aus Garching kennt nur zwei Wörter auf Ukrainisch: besser und schlechter. Denn diese Worte waren für die Kommunikation mit ukrainischen Flüchtlingen wichtig, als sie in den ersten Kriegsmonaten kostenlose Hilfe bei der Augenuntersuchung bekommen haben. Neulich hatte ich eine Einladung zum Neubürgerempfang vom Bürgermeister von Garching in meinem Briefkasten. Ich kann so viele solcher Ereignisse aufzählen. Sie sind absolut magisch und erzeugen bei mir Gänsehaut. Gleichzeitig denke ich immer: Wir leben in einer Zeit, die vorgibt, friedlich zu sein. Es ein Luxus geworden, in derselben Stadt leben zu können wie Freunde oder Familie. Oder an den Ort zurückkehren zu können, an dem man aufgewachsen ist. Es ist Luxus geworden, langfristige Pläne zu schmieden und ohne Schuldgefühle zu leben.